Tagespolitisches

Not und Spiele II

Erfahrungsbericht einer Schaulustigen

Da haben sie uns ja mal gründlich vorgeführt. Lasst mich durch, ich bin Schaulustige.

Am Montag war für 18.15 Uhr die Fütterung der Tiger angekündigt (s. Not und Spiele I). Pünktlich saß ich am heimatlichen Computer vor den Webcams und beobachtete, wie sich Menschen vor der Arena sammelten, im Bauch eine Mischung aus Spannung und Angst und – morbider Neugier. Hatte ich wirklich gedacht, das Zentrum für Politische Schönheit würde Menschen an Tiger verfüttern? Ich weiß es nicht.
Etwa zehn Minuten nach der angekündigten Zeit ist immer noch nichts passiert. Die Kameras zeigen einen leeren Käfig und stillstehende Menschen. Die Tiger tauchen irgendwann am Bildrand auf und wandern auf und ab, auch sie scheinen gespannt. Und hungrig. Wahrscheinlich sind sie nur vom Lärm der Menge aufgeregt, doch in meinem Arbeitszimmer bleibt es still. Mein Adrenalinspiegel steigt.
Zwanzig Minuten vergangen. Die Menschen stehen. Ton hat die Webcam nicht, daher ist die Beobachtung am Computer nicht wirklich interessant. Aber ich bleibe dabei. Die Menschengruppe verlagert sich von der Arena zum Theater, aber sonst passiert nichts für mich wahrnehmbares. Warum schalte ich nicht ab? Ich verkleinere das Fenster und tippe nebenbei ein Manuskript ab, aber mit einem Auge und dem Herzen bin ich bei den Tigern.
Dreißig Minuten. Es kommt Bewegung in die Menschenmenge, langsam zerstreut sich die Gruppe. Nur wenige bleiben noch in kleinen Gruppen stehen. Nach fünfundvierzig Minuten sind kaum noch Menschen da und die Tiger haben sich endlich entspannt hingelegt.

Was war das? Wieviele Leute standen auf dem Platz oder saßen zu Hause vor den Webcams, warteten – auf was? Auf dem Platz gab es wohl Reden, doch zu Hause konnte ich diese nicht hören.
Trotzdem hat mir diese Stunde viel über mich selbst gezeigt. Ich hatte Angst, was passieren könnte, ja. Irgendwie habe ich mit Gewalt gerechnet, wenngleich ich sie gefürchtet habe. Trotzdem habe ich es mir angesehen, anstatt auf die Nachrichten am nächsten Tag zu warten. Ich wollte dabei sein. Hilflos dem ausgeliefert, was passieren möge, aber dabei. So wie die Tausenden vor Ort. Um die Aktion zu unterstützen oder nur um zu sehen?
So wie wir täglich die Tagesschau ansehen, um zu wissen, was in der Welt passiert, ohne es zu ändern. Aber immerhin fühlen wir uns schlecht deswegen.
Aber wann fangen wir an, etwas zu ändern? Und sei es nur, indem wir aus Protest das kleinste Übel wählen anstatt die neueste Außenseiterpartei, deren Programm wir gar nicht kennen. Oder indem wir aufhören, mit unserem bedenkenlosen Konsum diejenigen zu unterstützen, die dafür sorgen, dass Menschen zu Flüchtlingen werden (was mit ein bisschen Eigeninitiative und Information wahrscheinlich viel leichter wäre, als wir immer denken).
Und wann hört das, was wir tun, endlich auf, immer zu wenig zu sein?

“ Wir verlassen die Arena erhobenen Hauptes, aber voller Verzweiflung. Es wäre falsch, etwas im Theater zu Ende zu bringen, das noch lange nicht zu Ende ist. Wir werden nicht Teil eurer Logik des Tötens sein. Wir sind Raubtiere, wir töten, um uns und unsere Kinder zu ernähren, wir töten, wenn wir in Todesgefahr sind. Hier sollten wir töten, um zu zeigen, dass ihr wie Tiere handelt. Aber ihr handelt nicht wie Tiere, ihr habt euch von uns entfernt, um besser zu sein als wir, aber ihr habt den Pfad des Tötens nicht verlassen. Das können wir nicht darstellen. Wir sagen das Finale ab, wir ziehen uns zurück. Im Namen der Tiere lassen wir euch mit eurem Dilemma allein. Wir sind nicht die Lösung, wir sind die traurigen Darsteller eures Untergangs.“

Brief der Tiger an die Menschheit

Die Tiger weigerten sich, die Flüchtlinge zu fressen. Die Kunst blieb Kunst. Und auch wir würden uns weigern, stellte man uns die Flüchtlinge als reale Menschen gegenüber. Aber solange sie nur Zahlen sind, ist es so leicht, am Töten teilzuhaben.
Das Zentrum für Politische Schönheit hat auf eindrückliche Weise den Finger in die Wunde unserer Demokratie gelegt. Zeigt sie uns jetzt auch, wie wir – die ganz normalen Menschen von der Straße, die nur das Beste wollen und dennoch tatenlos daneben stehen – uns aus den Fängen der Arena befreien können? Oder bleibt am Ende das mulmige Gefühl der Hilflosigkeit und lähmt uns, bis der Untergang wirklich nicht mehr abzuwenden ist?

 

mehr dazu:

http://www.berliner-zeitung.de/kultur/gorki-theater-der-mordparagraf-63–die-tiger-und-die-fluechtlinge-24310588

 

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