Throwback Thursday

Das zweite Gesicht

„Guten Morgen zusammen. Heute beginnen wir mit einer Textaufgabe, die etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen wird. Ich habe hier drei verschiedene Aufgaben, von denen Sie sich eine aussuchen können-“

„Echt? Von hier?“

„Unten. Wo Mögliche Aufgaben drüber steht. Zunächst sollen Sie dafür im Internet recherchieren und dann einen Text schreiben, den Sie dann nächste Woche abgeben.“

„Wird das benotet?“

„Ja.“

„Oh, Sie muten uns vielleicht was zu, Frau Meyer.“

„Was sind denn das für bekloppte Themen?“

„Erst mal Wikipedia. Dann muss ich das nur abschreiben. Dabei macht man keine Fehler.“

Endlich richten sich die meisten Blicke auf die Bildschirme, irgendwer frühstückt, jemand spielt auf dem Handy, ein paar arbeiten. So ist es immer.

 

Klick.

 

Innen ist es dunkel. Sie spürt wage, dass sie lächelt. Das tut sie immer. Gut geübt.

Innen ist es stumm. Sie wartet. Am Rand ihres Gehirns zu einer Kugel zusammengerollt, childrens pose, wie sie es aus dem Yogaunterricht kennt. Aber es entspannt sie nicht.

Innen ist es kalt, auch wenn das Jacket unter ihren Achseln schon wieder feucht ist.

 

Klack.

 

„Am schlimmsten ist das Wetter in Sibirien mit Temperaturschwankungen von sechzig bis siebzig Grad. Boah ey, da will ich ja echt nicht wohnen.“

„Was hat denn das Wetter in Russland mit Ihren Recherchen zu tun? Ich dachte, Sie machen Indien?“

Sie lacht. Kleine Abschweifungen sind ja normal.

„Ach, Frau Meyer, ich hab nur grad gedacht, wo es so heiß ist in Indien, da hab ich an Russland gedacht, und-“

Die Tür geht auf. Fünfzig Minuten zu spät taucht Frau L. auch noch auf, die Haare in ein neues, knalliges Lila getaucht.

„Ey, du hast dir ja die Haare gefärbt.“

„Ja, da war mein Finger voll lila bis hier, mein Handschuh ist gerissen, guck, mein Fingernagel ist immer noch lila.“

 

Klick.

 

Innen ist es feucht und salzig. Schwer. Aber wer nicht hören will, muss fühlen. Wer nicht lernen will, hat selber schuld. Es tut ihr weh. Aber das hat nichts mit ihr zu tun. Hat es nicht.

Innen ist es schwarz. Sie hört und sieht nichts mehr. Kann kaum atmen.

Schlafen. Nur endlich wieder schlafen.

 

Klack.

 

Neun Uhr zwanzig. „Können wir Pause machen?“

„In zehn Minuten.“

„Ey, Frau, äh, Meyer. Können wir Pause machen?“

„In zehn Minuten.“

„Können wir Pause machen?“

„Ja, gehen Sie schon.“ Sie lacht.

 

Klick.

2 Kommentare zu „Das zweite Gesicht

  1. Du hast schon einiges auszuhalten 😉 aber du hälst es ja auch aus, ganz gut oder? Zumindest gibt es Stoff zum lesen und sich amüsieren. Und schön das so zu verfolgen. LG J.

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