Tagespolitisches

Sozialer Jetlag oder die Koffeingesellschaft

Kennt ihr das auch? Ihr seid totmüde, eigentlich möchtet ihr noch stundenlang weiter schlafen, aber irgendwas zwingt euch aus dem Bett? Na klar, so ist das Leben, oder nicht?

Aber muss das so sein? Irgendwo hab ich mal gelesen, dass jemand, der am Wochenende mehr schläft als sonst, unter der Woche zu wenig schläft – und der Körper kann Schlaf nur bedingt nachholen. Ständig gegen seinen natürlichen Biorhythmus zu leben, macht auf die Dauer krank. Allerdings kann man seinen Biorhythmus ja auch umstellen – sonst wäre globales Reisen nicht möglich. Warum leben also so viele Menschen im sozialen Jetlag?

Ich bin ja nun zur Zeit erwerbslos und sollte alle Zeit und alle Freiheiten der Welt haben, so zu schlafen, wie ich möchte. Könnte man meinen. Aber nicht nur Arbeit zwingt uns einen bestimmten Rhythmus auf, das ganze Leben in unserer Gesellschaft wird durch Zeiten bestimmt, und auf die Eremiten von uns, die nicht (oder allein zu Hause) arbeiten und nur zum Einkaufen mal rausgehen (was auch zeitlich beschränkt ist, aber durch die langen Öffnungszeiten mit keinem Schlafrhythmus wirklich kollidieren sollte), wird der Rhythmus durch Familie, Partner, Nachbarn übertragen.

Aber kennt ihr auch das Gegenteil? Dass der vor euch liegende Tag so schrecklich lang erscheint (wann auch immer ihr aufgestanden seid), dass ihr früh ins Bett geht, damit der Tag endlich vorbei ist? Bei mir ergab sich daraus im Laufe der Zeit ein Rhythmus, in dem ich zehn bis zwölf Stunden pro Nacht dahindöste – und das ist nicht nur schrecklich unproduktiv, schließlich versuche ich die freie Zeit zu nutzen, endlich mal wieder einen Roman zu Ende zu schreiben, sondern ebenfalls ungesund.

Jetzt habe ich mir vorgenommen, morgens früh aufzustehen, um nur noch acht Stunden zu schlafen, und durch den sozialen Druck meiner Freundin, die um halb sieben zur Arbeit aufbricht, ist es wirklich früh. Und schon eine halbe Stunde später, wenn ich mit Netflix meinen ersten Kaffee trinke, langweile ich mich, alleine schon, weil der vor mir liegende Tag so unfassbar lang erscheint und ich nichts wirklich tun muss.

Langeweile entsteht, wenn wir einen Zeitraum als leer empfinden. Nun kann Zeit ja nicht wirklich leer sein, weil sie physikalisch gerade als Dauer von Ereignissen definiert ist. Daraus schließt Safranski („Zeit“, Fischer 2017), die Langeweile entstehe daraus, dass wir diesen Ereignissen kein Interesse entgegen bringen. Langeweile ist eine Frage der Einstellung. Jedoch sind – rein physikalisch – auch der Herzschlag, Ein- und Ausatmen, der Strom unseres Bewusstseins und das Ticken einer Uhr Ereignisse. Diesen Ereignissen Interesse entgegen zu bringen, ist gar nicht so einfach, es sei denn, wir entscheiden uns bewusst dazu, unsere Aufmerksamkeit darauf zu richten, wie etwa in der Meditation.

Und genau hier vermute ich das eigentliche Problem – unsere Unfähig- oder Unwilligkeit, uns für etwas zu entscheiden. Wenn ich nichts tue, passiert in meiner leeren Wohnung natürlich nichts interessantes, doch ich habe eine Menge Dinge hier, für die ich mich eigentlich begeistern kann – Bücher, CDs, Internet, Jonglierbälle, Yogamatte. Nicht nur der Mangel an Beschäftigungsmöglichkeiten, wie z.B. im Wartezimmer eines Arztes, sondern auch ihr Überfluss kann die Entscheidung hemmen. Die ständige Bereitschaft, sich von dem, was man gerade tut, ablenken zu lassen (selbst wenn man es gern tut), fördert die Langeweile. Und das ist nicht nur ein kulturelles Problem, sondern – akut – auch ein Zeichen meiner Müdigkeit, womit wir wieder zum Anfang zurückkehren.

Warum bin ich so müde, auch wenn ich sicher acht Stunden geschlafen habe? Weil ich mich daran gewöhnt habe, zehn Stunden zu schlafen, oder weil ich einfach erwarte, müde zu sein, wenn ich um halb sieben aufgestanden bin?

Warum leben so viele Menschen im sozialen Jetlag, wenn der reisebedingte Jetlag sich doch relativ leicht überwinden lässt? Das hat – wie das meiste – wohl mehrere Gründe. Einerseits fehlt es an Disziplin, den von der Arbeit unter der Woche vorgegebenen Rhythmus auch am Wochenende durchzuhalten, damit bürden auch diejenigen, die nicht Schichtarbeit leisten müssen, sich die Folgen einer Schichtarbeit auf. Und das haben wir so gelernt – es ist kulturell betrachtet normal, am Wochenende länger zu schlafen und unter der Woche übermüdet zu sein. Eltern geben es an ihre Kinder weiter, in dem sie von ihnen fordern, sie wenigstens am Sonntag ausschlafen zu lassen. Wir gehen abends zu spät ins Bett, weil wir dringend noch irgendwelche Medien konsumieren wollen – die Primetime im Fernsehen ist eigentlich viel zu spät für Menschen mit Frühschicht – und bilden uns ein, den Schlaf am Wochenende nachholen zu können.

Landwirte oder Mütter von Kleinkindern oder andere Menschen, deren Lebenssituation vorgibt, dass sie keinen Tag frei nehmen können, haben es da leichter – die zu fütternden Tiere oder Kinder sorgen schon dafür, dass sie jeden Tag zur gleichen Zeit aufstehen.

Darüber hinaus geht die innere Uhr der meisten Menschen ein wenig langsamer als die Sonne, bei Depressiven bis zu zwei Stunden. Unser Biorhythmus hängt der Zeit immer ein wenig hinterher und ist auf einen regelmäßigen Uhrenvergleich mit der Sonne angewiesen. In einem grauen, aber rund um die Uhr elektrisch erleuchteten Winter einer mittelgroßen, deutschen Stadt gar nicht so einfach, wir verlängern die Tage durch elektrisches Licht und leuchtende Großbildschirme und quälen uns am nächsten Morgen doch wieder raus – weil wir ja müssen.

Würde es uns also nicht allen besser gehen, wenn wir ohne Wecker lebten? Ich habe es mal versucht, in den Sommersemesterferien vor ein paar Jahren. Da meine innere Uhr behauptet, der Tag habe sechsundzwanzig Stunden, war das mit den Ladensöffnungszeiten doch gar nicht so einfach und das Sonnenlicht, wenn es in meinem Kopf gerade Nacht war, war äußerst irritierend. Aber auch sonst neige ich dazu, eher zwölf Stunden schlecht als acht Stunden gut zu schlafen, wenn ich mich nicht nach acht Stunden zum Aufstehen zwinge und dadurch abends ausreichend müde bin. Ganz egal, wie lange ich geschlafen habe, erfrischt und munter wache ich so gut wie nie auf – und das liegt nicht nur daran, dass ich bereits so sehr an Kaffee gewöhnt bin. Ich möchte nicht für andere sprechen, aber für mich bleibt wohl nur eins – Wecker auch am Wochenende!

In diesem Sinne: Habt eine schöne Woche. lest! schreibt! lebt!

 

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