Tagespolitisches

Eichmann im Ausländeramt

Ich schaue gerade die wunderbare Verfilmung von Hannah Arendts Leben und dem Eichmannprozess. Und jetzt, wenn ich das Wirken der deutschen Bürokratie etwas besser kenne als noch vor fünf oder sechs Jahren, als ich ihr Buch gelesen habe, stehen mir noch mehr die Haare zu Berge.

Eichmann hat zur Tötung von Millionen von Menschen beigetragen, ohne auch im Nachhinein irgendwelche Reue zu empfinden. Dabei war er nicht böse. Er hat nur getan, was ihm befohlen worden war. Er hat nur seinen Job gemacht und wenn er sich gegen die Befehle gewehrt hätte, wäre es doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen, wie er während des Prozesses in Jerusalem sagte.

Und ich frage mich, was unterscheidet die heutigen Beamten zum Beispiel in der Ausländerbehörde eigentlich von diesem verhassten Mann? Auch sie machen nur ihren Job, was mit den Menschen passiert, nachdem sie abgeschoben wurden, hat sie nicht zu interessieren. Wer darüber nachdenkt, wie viele er mit seiner Unterschrift umbringt, macht diese Arbeit nicht lange. Und der nächste Arbeitslose wartet schon, um nachzurücken.

Sicher – es gibt Unterschiede. Abschiebung kann vermutlich – unter gewissen Voraussetzungen – gut begründet sein, die Ermordung von Juden (oder jeglichen anderen Menschen) nicht. Zweck der Judendeportation war über kurz oder lang, sie zu töten, Zweck der Abschiebung ist nur, die Flüchtlinge loszuwerden. Und abgeschoben wird nur in Länder, die offiziell als sicher gelten.

Aber sind sie das? Und denkt der typische Bürokrat darüber nach? Ihm reicht es doch zur Ausführung seiner Arbeit, dass sein Vorgesetzter ihm sagt: Land XY ist sicher. Zu reflektieren, ob ein Staat wirklich vorhersehen kann, wie Menschen in ihrer früheren Heimat aufgenommen werden, wenn sie nach einer Flucht in den Westen (oder Norden) zurückkommen, darüber nachzudenken, was es für die Psyche der Menschen bedeutet, Deutschland für eine Weile als neue, hoffnungsvolle Heimat zu betrachten und dann zurückgeschickt zu werden in ein Land, das sie im besten Falle nicht mehr kennen, gehört nicht zu seinem Job.

Und ich frage mich: Wenn wirklich bekannt wäre, dass (alle oder einige) abgeschobene Flüchtlinge kurz nach ihrer Ankunft getötet würden, wie viele Menschen würden wohl ihre sichere Arbeitsstelle kündigen, um nicht daran mitzuwirken? Wir verdrängen doch auch sehr gut, dass Kinder in Bangladesch unsere Kleidung nähen, halbverhungerte Schwarze in Südafrika das Gold für unseren Schmuck abbauen und junge Südamerikaner sich für uns auf Kaffee- und Tabakfarmen kaputt arbeiten. Und solange wir ein sicheres, halbwegs vernünftiges Einkommen haben, könnten wir dem mit unserem Konsumverhalten immerhin entgegenwirken.

Ich frage mich: Wie ungewöhnlich war Eichmann wirklich?

In diesem Sinne: Denkt nach, bevor ihr handelt. Und lest! Schreibt! Lebt!

 

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7 Kommentare zu „Eichmann im Ausländeramt

  1. Ich habe gestern “das Labyrinth des Schweigens“ gesehen, über die schwierigen Anfänge der Auschwitzprozesse. Und den letzten Gedanken, den du ausführst, den hatte ich nach dem Film auch: was ist mit unserer heutigen Schuld an der globalen Umweltkatastrophe, am nicht endenden Krieg in Syrien, an den Auswirkungen des Kapitalismus? Was tue ich heute, von dem ich denke dass es richtig ist? welchem Maßstab vertraue ich? Und was kann ich aufrichtig antworten, wenn mich in 50 Jahren jemand fragt, was ich damals gewusst, getan habe?
    Die nicht vorhandene Reue verwirrt und schockiert der Angeklagten mich auch extrem…

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    1. Es wird auch alles immer so viel größer und unübersichtlicher, vor irgendetwas muss man doch immer die Augen verschließen, sonst wird man völlig handlungsunfähig. Ein richtiges Leben kann man wohl in unserer heutigen Welt nicht leben, nur das bestmögliche.

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      1. Das auf der Bank (Foto) könnte eine Tastatur zu einem Microsoft Surface Tablet sein. Aber wenn du so fragst ist es das nicht. 🙂

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