Throwback Thursday · Workshops Kreatives Schreiben

Zweckentfremdet

Aufgabe 1: Einen Gegenstand so genau wie möglich beschreiben

Er ist blau und durchscheinend wie Wasser, kühl auch, selbst im Sommer. Der Boden ist voller Staub, aber das Silber der Klammerschiene glänzt immer noch neu.

Wenn man ihn auf und zu schnappen lässt, klackt es laut, wie das Knacken von Knochen. Aber so schnell macht man ihn nicht kaputt.

Auf keinem Schreibtisch sollte er fehlen, um Papier zusammenzuheften natürlich, aber auch als Briefbeschwerer eignet er sich gut, im Notfall sogar als Hammer, um Reißzwecken in die Wand zu schlagen.

Die längliche hohe Form ist typisch für diesen Gegenstand, aber durch das durchscheinende blaue Plastik der Ummantelung kann man auch sein Innenleben erkennen, das minimalistisch einfach ist. Nur eine Sprungfeder, um die Klammerschiene an ihrem Platz zu halten.

Auch im Inneren hängen Staubflusen. Die Oberfläche ist glatt, doch durch ihre der Hand angepasste Form trotzdem griffig.

Er liegt hervorragend in der Hand, ob zum gedachten oder auch anderem Gebrauch. Vielseitig und trotzdem so unscheinbar.

Aufgabe 2: Diesen Gegenstand zum Zentrum einer Erzählung machen

Ich krieg die Krätze!

Meinen durchscheinend blauen Tacker in der linken Hand sitze ich am Schreibtisch und hämmere mit dem staubigen Boden auf die Tischplatte ein, wirbele noch mehr Staub auf. Zugegeben, dazu ist er nicht gemacht.

Wenn ich es geschafft hätte, auch nur ein paar Seiten auf Papier zu bringen, könnte ich sie jetzt zusammenheften, aber das Papier vor meiner Nase ist noch ebenso leer wie vor zwei Stunden und der Füller durch das Geruckel am Schreibtisch bis an den Rand gerollt.

Mein Kopf hämmert. Aber nichts will heraus.

Ich hebe den Tacker vor die Augen und blinzele durch das blaue Plastik. Ein Gefühl wie unter Wasser. Nur die Sprungfeder, die die Metallschiene in der Ummantelung hält, stört das Bild.

Was soll’s, wann hat man schon mal einen Tacker, bei dem man sehen kann, wie er funktioniert, während man ihn benutzt. Wenn man ihn denn als solchen benutzt.

Und nicht nur damit auf den Tisch einhämmert, weil man einfach nicht weiß, was man schreiben soll.

Er ist so schön kühl. Im Gegensatz zu meinem brennenden Gesicht.

Niemand hat gesagt, dass eine Doktorarbeit leicht sei.

Im Inneren des Tackers hängen Staubflusen. Ich sollte öfter mein Arbeitszimmer aufräumen. Gleich kribbelt meine Nase, obwohl das wohl eher die Pollen sind, die durch das gekippte Fenster fliegen.

Der Tacker trifft mit voller Wucht die Finger meiner untätig herumliegenden rechten Hand. Fluchend stecke ich sie in den Mund und springe auf. Ich brauche erstmal Kaffee.

In der Küche merke ich, dass ich den Tacker immer noch in der Hand halte. Ein Tacker mag ja zu allem möglichen nützlich sein, zum Kaffeekochen dann doch nicht. Obwohl – ich könnte damit auf die Kaffeebohnen einschlagen, anstatt sie wie sonst in der Mühle zu drehen. Zu meiner Stimmung würde es passen.

Aber da ich dann auch noch die Küche von herumgeflogenen Bohnenbruchstücken reinigen müsste, mach ich den Kaffee doch lieber auf herkömmliche Weise.

Den Kaffeepott und eine Tasse in der Rechten, Hafermilch unter den Arm geklemmt und den Tacker immer noch in der linken Hand schlurfe ich unmotiviert zurück an den Schreibtisch. Zu dem leeren Papier.

Ich möchte mit den Heftklammern Papier durchbohren, Löcher stechen oder reißen. Aber nein, los jetzt. Schweren Herzens stelle ich das nicht mehr kühle, blaue Ding zur Seite und suche wieder nach meiner Füllfeder.

Alle haben gesagt, dass eine Doktorarbeit schwer sei. Aber vor einem Brief an meine eigene Oma hat mich niemand gewarnt.

(05.2016)

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