Tagespolitisches · Throwback Thursday

Not und Spiele

Morgen ist es so weit, die Tiger in der Arena vor dem Maxim Gorki Theater in Berlin sollen gefüttert werden. Um auf das Beförderungsverbot für Flüchtlinge (§ 63 Abs. 3 AufenthG) hinzuweisen, das Menschen ohne Visa verwerrt in ein Flugzeug zu steigen und Flüchtlinge somit in die Hände von Schleppern und auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zwingt, hat das Zentrum für Politische Schönheit Flüchtlinge gesucht, die sich öffentlichkeitswirksam von Tigern fressen lassen.

Dies hätte die Bundesregierung verhindern können, wenn sie in der Sitzung am 24.07. das Gesetz gekippt hätte. Doch das hat sie nicht getan. Und was passiert jetzt?

Wenn die Erpressung an der Bundesregierung ernst genommen werden sollte, musste man damit rechnen können, dass sie ihre Drohung wahr machen werden. Doch können wir das wirklich? Die Flüchtlinge mögen es ernst meinen. Doch die Künstler des Zentrums für politische Schönheit? Sein eigenes Leben zu geben für eine Sache, an die man wirklich glaubt, ist eine Sache. Aber das Leben anderer? Die Erpressung ist nicht aufgegangen. Jetzt dennoch die Drohung real werden zu lassen, würde nichts mehr ändern. Es nicht zu tun, würde sie als inkonsequent hinstellen. Sie haben es doch gar nicht so ernst gemeint, könnte man glauben. Wie kann das Zentrum aus diesem Dilemma wieder herauskommen?

Durch Kunst. Denn wenn es Kunst bleiben soll, muss es nicht ernst werden. Kunst ist auch dann ernst, wenn sie nicht wörtlich ist. Auch das bloße Spiel mit Möglichkeiten kann Wirklichkeiten ändern. Und die Metapher des römischen Gladiatorenkampfes ist für die aktuelle Situation wirklich gut gewählt.

Doch selbst die Verteidiger der Aktion in den sozialen Medien scheinen unsicher zu sein, wie wörtlich die Kunst gemeint ist. Die Tiger jedenfalls sind echt. Und die Ertrunkenen im Mittelmehr sind es auch. Und die Regierung reagiert mit absurd anmutenden Verboten und deklariert das Zentrum als Terrorismus. Sie haben doch schon 400.000 aufgenommen, die an ihren Grenzen standen. Warum noch mehr holen, wenn sie doch von alleine kommen. Und praktischerweise so viele unterwegs sterben, wer kann denn was dafür …

Die Erpressung wäre vielleicht eindrücklicher gewesen, wenn Deutsche ihren Suizid angedroht hätten. Der Regierung scheint es nicht so wichtig zu sein, ob Flüchtlinge im Mittelmeer oder auf den Landrouten sterben. Warum sollte sie sich um deren Tod in Berlin großartig mehr kümmern, zumal sie darauf vertrauen kann, dass die Polizei ein Blutbad mitten in der Stadt verhindern wird.

Die Kunst wäre glaubhafter gewesen, wenn es bei der Metapher geblieben wäre. Keine echten Tiger, dafür aber zerfleischte Dummies. Auch das hätte noch schockiert und ein Tigerkäfig mitten in Berlin sorgt auch ohne Tiger für Aufmerksamkeit. (Ganz zu schweigen von den Tigern, denen es vermutlich auch nicht sonderlich gefällt, obwohl der Käfig nicht unkonfortabler aussieht als in jedem durchschnittlichen Zoo.)

Doch was wir auch von der Aktion halten und ob sie jetzt ohne Konsequenz im Sande verläuft, die Polizei tatsächlich das Zerfleischtwerden von Flüchtlingen verhindern muss oder sich die Fütterung morgen abend als Metapher herausstellt … das Sichtbarmachen des Beförderungsverbotes ist nicht mehr rückgängig zu machen. Jetzt wird es vielleicht den langwierigen Weg über die Wähler gehen müssen (und können). Und auch wenn es den jetzigen Flüchtlingen noch nicht hilft – wir leben in einer Welt, in der es wohl leider immer wieder Flüchtlinge geben wird. Und schon dass so viel über die Tiger diskutiert wird, zeigt, dass sie ihr Ziel nicht vollständig verfehlt haben. Sie haben eine gesellschaftliche Diskussion angeregt, die mit dem morgen zu erwartenden Verschwinden der Arena hoffentlich nicht verstummen wird.

mehr zum Thema:

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/zentrum-fuer-politische-schoenheit-springen-die-fluechtlinge-wirklich-in-den-tigerkaefig–24283808

https://www.facebook.com/politische.schoenheit/?fref=nf

http://www.flugbereitschaft.de/#may-modal

 

(aus Juli 2016)

 

ähnliche Beiträge:

Am Ende aller Kräfte bleibt das Zuwenig

Not und Spiele II

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s