Schreibmenschen · Tagespolitisches

Die Frau im Spiegel

Als die Frau im Spiegel mir zum ersten Mal begegnet war, hatte ich es nicht einmal gemerkt. Sie zwinkerte mir kurz zu, ich hielt es sicher für ein Zucken der Muskeln unter meinem Auge, manchmal hatte ich solch ein nervöses Zucken schon gehabt. Und ich war sicher in Eile. Vielleicht schminkte mich gerade vorm Spiegel, weil ich ausgehen wollte. Vielleicht musste ich zur Arbeit gehen oder zur Schule oder zu einem Date. Sicher war ich nervös, aber ich war häufig nervös in jener Zeit.

Die Augen der Frau im Spiegel waren tiefgrün. Wen immer ich fragte, sagte mir, meine Augen seien blau. Sicher lag dies an den unterschiedlichen Lichtverhältnissen, das Licht an meinem Spiegel war schwach, ein wenig matt, wie in einem Wald. Tannennadelgrün waren die Augen der Frau im Spiegel, die doch ich war. Und wen immer ich fragte, hatte nicht recht.

Wann immer ich in den Spiegel schaute, roch es nach Wald. Nach frischer Erde, harziger Rinde, stechenden Nadeln.

Ich begann, mich mit der Frau im Spiegel zu verbünden. Sie war jung und schön und so stark, die Menschen glaubten ihr, hörten ihr zu, wenn sie sprach, nahmen sie ernst. Meine Augen wurden grüner von Tag zu Tag.

Doch manchmal tat der Geruch mir weh.

Vielleicht war es besonders dunkel gewesen, als die Frau im Spiegel lächelte, obwohl ich so traurig war. Sicher war es in einer Neumondnacht gewesen. Vielleicht war es das Spiegelbild in einer dunklen Fensterscheibe, in der Straßenbahn wahrscheinlich, auf dem Heimweg von der Uni. Nachts und müde verliert man leicht die Kontrolle über seine Sinne und seine Muskeln, den ganzen Tag hatte ich gelächelt, als ich unter Menschen war, nun war ich nicht mehr ganz bei mir und lächelte, obwohl ich es nicht mehr fühlte.

Ich begann, der Frau im Spiegel zu glauben. Wenn sie lächelte, musste ich doch glücklich sein, schließlich war sie doch ich.

Als ihr Gesicht breiter wurde, runder, hörte ich auf zu essen. Wenn ich an meinem Körper herabblickte, sah ich keinen Bauch, doch das Gesicht im Spiegel war fett geworden. Ich hatte auch gar keinen Hunger mehr. Was glaubten die Menschen, die mir sagten, meine Wangen seien eingefallen, warum sagten sie so etwas? Das Gesicht im Spiegel war rund und voll, sicher waren die Menschen neidisch auf die frische Röte meiner Wangen, waren eingeschüchtert von meiner Schönheit, da waren keine Knochen zu sehen und keine Schatten unter den Augen.

In den Geruch nach Wald schlich sich etwas anderes, eine leise Warnung, ein Hauch von Verwesung. Ich verstand ihn noch nicht recht, ich achtete nicht auf ihn. Doch der Geruch nach Eiter wurde stärker von Tag zu Tag.

Das Lächeln der Frau im Spiegel wurde höhnisch, je mehr ich zu ihr wurde. Sie legte ihr Lächeln nicht mehr ab und je länger sie lächelte, desto mehr verzog es sich zu einer Grimasse.

Als die Lippen der Frau im Spiegel schmaler wurden, wieder und wieder spitze Zähne durch die blassen Linien blitzten, hörte ich auf zu reden. Ich presste die Lippen aufeinander, ich wollte diese Reißzähne nicht sehen, die ich so gut vor der Welt verbarg, ich wollte nicht sehen, was für ein Monster ich geworden war, was für ein Monster ich immer schon gewesen war. Die Frau im Spiegel blickte höhnisch. Ich würde es nicht verbergen können. Wenn der Mond zunahm, würden meine Augenbrauen wachsen, meine Augen überschatten, Krallen aus meinen Fingern werden.

Die Leute, die mir sagten, ich müsse etwas essen, hatten keine Ahnung. Da war etwas anderes, etwas in mir, das ließ sich nicht durch Essen lösen.

Ich sperrte den Mond aus, verließ mein Zimmer nicht mehr. Ich verbrachte Stunden vor dem Spiegel, zählte die Haaren meiner Augenbrauen, maß ihre Länge mit dem Maßband. Jeden Abend riss ich jedes einzelne aus, doch am nächsten Morgen, wenn ich gegen meinen eigenen Willen geschlafen hatte, waren sie wieder da. Auch die Haare an meinen Armen wurden länger und dunkler, meine Haut wurde schwarz.

Ich ignorierte den Mond, ich ignorierte die Welt, ich ignorierte auch das Klopfen an der Tür. Niemand würde mir gegen die Frau im Spiegel beistehen können.

Der Geruch von Verwesung und Eiter wurde beißend.

Zwei Tage vor Vollmond wurden ihre Augen gelb, dann schwarz, dann waren sie verschwunden. Aus leeren Höhlen blickte sie mich an, pulsierende Adern an den Wänden, pulsierendes Fleisch und der Geruch von verbrannten Kiefern. Ich hörte auf zu schlafen.

Ich konnte dem Spiegel nicht mehr den Rücken zukehren. Ohne Augen hatte sie mich immer im Blick, ohne Lippen flüsterte sie schreiend. Mein dichtes Fell wärmte mich nicht.

Am Abend vor Vollmond traten ihre Wangenknochen hervor, Stück für Stück aus der ehemals vollen Rundung, wie die beiden Backen eines Schraubstocks. Zwischen ihnen das lange Nasenbein geklemmt, weiß wie Kalk, darunter schwarze Höhlen. Knochen knirschten, der Rauch trieb mir Tränen in die Augen und Zähne lösten sich. Mit einem dumpfen Klacken fielen sie zu Boden, ich spürte keinen Schmerz.

An dem Klacken der fallenden Zähne konnte ich das Verrinnen der Zeit ablesen, wie an einer sehr lauten Sanduhr. Zahn für Zahn, Stunde für Stunde, der Vollmond kam. Die zahnlose, augenlose, gesichtlose Frau im Spiegel grinste immer noch. Ein Luftzug bewegte die Gardinen. Hatte ich die Fenster nicht geschlossen? Ich konnte mich aus dem Zimmer nicht entkommen lassen, ich wusste nicht mehr, was ich tun würde, wenn die Nacht kam.

In den Wipfeln der verbrannten Bäume schrie ein Vogel, die dicken Wurzeln hielten mich fest, ich konnte nicht mehr atmen.

Doch als der Vollmond kam, sahen wir ihn nicht mehr.

Aufgabe: Eine Schauergeschichte schreiben (im Stile Poes)

2 Kommentare zu „Die Frau im Spiegel

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