Throwback Thursday

Erwachsen sein

Der Vorteil vom dreißig sein ist, dass man sowohl bei NewYorker als auch bei SinnLeffers einkaufen kann, ohne komisch angeguckt zu werden. Man kann die Stile wechseln wie die Stimmung und passt überall noch rein.

Oder auch nirgends. Mit einem Notizbuch in der Hand irgendwo Kaffee zu trinken habe ich schon immer gemacht. Ich werde von Menschen ganz verschiedenen Alters gleichermaßen gemocht und habe doch kaum wirkliche Freunde. Ich bin kein Student mehr, aber berufstätig bin ich auch nicht. Ich bin ein Beobachter und Beobachter stehen immer draußen.

Ein Beobachter mit Stift auf Papier und Stöpsel in den Ohren, damit mich bloß niemand anspricht. Ich will mich durch kein Gespräch von den Bildern in meinem Kopf ablenken lassen und niemandem gegenüber meinen Aufenthalt in einem Café rechtfertigen müssen – mitten in der Woche mitten am Tag, obwohl ich doch im besten Alter bin, das Bruttosozialprodukt zu steigern.

Draußen wird langsam Frühling, in mir schwankt das Wetter zwischen Hochsommer und Nordpol. Ich weiß nicht, was ich anziehen will.

Ich will noch nicht erwachsen sein, auch wenn ich bald dreißig werde. Ich will nicht alt, vernünftig und langweilig sein. Ich will mich nicht an das Modell eines Lebens verlieren, das nur die Tarnung des Überlebens ist, das ich nicht selbst mindestens hundert Mal umgeändert habe, das bleibt, schon seit Generationen, und mich festhält, bis ich wirklich alt und grau bin.

Es wird Zeit, mir ein Tattoo zu stechen oder die Haare abzuschneiden, für mehr Ausbruch reicht meine Energie nicht mehr. Schatz, lass uns einfach durchbrennen – wir schauen einen Film über Australien, nur nicht so lange, ich weiß ja, du musst morgen früh raus …

In Zeiten, in denen immer offensichtlicher wird, dass solche Willkürlichkeiten wie Staatsangehörigkeit und Geburtsort über Leben und Tod entscheiden, sollte man sich eigentlich nicht wundern, dass das zufällige Alter eine wenig zufällige Rolle spielt, und eigentlich war es auch immer so, man konnte es nur besser verdrängen, nur – ich will will will nicht!

Ich will mich nicht binden, nicht festlegen, auf einen Lebensentwurf, den ich niemals ausprobieren konnte, auf einen Job, der meine Energie frisst, um meinen Körper zu ernähren, auf eine Stadt, wenn es doch Millionen andere gibt – ich will reisen, wenigstens, vor allem in Gedanken, zehn völlig verschiedene Bücher parallel lesen und nur ein oder zwei, weil ich es muss, mich in diesen Gedankenreisen verlieren und keinen Wecker stellen müssen. Ich will morgens mit dem Griff in den Kleiderschrank entscheiden, wer ich heute sein will, und mir nicht von Terminen vorschreiben lassen, wann morgens ist. Ich will in Cafés herumhängen, die Geschichten des Lebens beobachten und schreibend die Schönheit darin zeigen. Denn sie sind schön, wenn man sich mal die Zeit nimmt, genauer hinzusehen.

Was ich werden will, wenn ich erwachsen bin? Ich will jemand sein, der immernoch den Mut und die Kraft hat, immer wieder jemand anderes zu werden.

(erstmalig veröffentlicht: 28.02.2017)

3 Kommentare zu „Erwachsen sein

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