Schreibübungen · Workshops Kreatives Schreiben

Super-GAU Pitch 2

unaufgeräumter Schreibtisch mit Tastatur, Teetopf, Tasse, Stiften

Natürlich habe ich verschlafen und rannte ohne Frühstück mit noch feuchten Haaren zur U-Bahn. Mit welcher Linie musste ich noch mal fahren? Mein Handy – tot. Hatte ich es gestern nicht eingesteckt? Wie verdammt abhängig man sich von dem Kram machte.

Okay, dann musste es anders gehen. Erinnerung …

Mit der Hoffnung der Verzweiflung stieg ich schließlich in eine Bahn, rannte erst völlig sicher in die völlig falsche Richtung, drehte wieder um und schaffte es dennoch pünktlich zum Sound-Check. Wie auch immer mir das gelingen konnte.

Ich war als vierte dran. Den ersten beiden hörte ich noch mit halbem Ohr zu. Ich kannte ihre Projekte ja. Als mein Kollege vor mir seine Leseprobe vortrug, wanderte ich Backstage nervös auf und ab. Ich wusste, ich konnte das. Ich war so gut vorbereitet. Und ich hatte solche Angst.

Ich sah gut aus. Aber war dieser hauchdünne, wenig bedeckende Jumpsuit nicht doch etwas zu viel? Ich wollte doch meinen Text verkaufen, nicht meinen Körper. Und wenn meine Stimme plötzlich wegblieb? Mein Mund war trocken wie Wüstensand. Schnell noch einen Schluck Kaffee, nein, Mist, ich wusste doch, dass Kaffee die Stimmbänder austrocknet. Aber um mit Wasser nachzuspülen hatte ich keine Zeit mehr. Ich wurde aufgerufen.

Mit weichen Knien und zitternden Händen ging ich zur Bühne. Es war nur eine kleine Stufe. Ich schaffte trotzdem, darüber zu stolpern. Ich trat auf mein viel zu weites, viel zu langes Hosenbein. Hatte der Stoff gerade geknackt oder war das meine Einbildung gewesen? War der Anzug irgendwo gerissen?

The show must go on.

„Ich bin Cora und ich habe einen Thriller mitgebracht.“ Ich versuchte, den Inhalt kurz zusammenzufassen, verwickelte mich in meine Sätze wie in meine Hosenbeine und als ich schließlich gar nicht mehr wusste, wo ich den roten Faden wiederfinden sollte, begann ich zu lesen. Es kam doch sowieso nur auf die Leseszene an, nicht wahr?

Das Publikum war still. Zu still. Sollten sie nicht mal lachen? Das Publikum mag es zu lachen, aber mein Text war nicht lustig genug. Also musste er spannend sein. Also musste ich spannend lesen. Die Wörter tanzten schneller, atemloser aus meinem Mund, meine Zunge stolperte und schlug lang hin. Erschrocken kniff ich kurz die Augen zusammen, sammelte mich, und begann den Satz von vorn. Ging doch.

Und trotzdem war mir seltsam kalt ums Herz. Zu kalt, zu körperlich. Beim Umblättern sah ich an mir herunter. Meine eine Brust lag entblößt im Scheinwerferlicht, ein Träger hatte sich in Luft aufgelöst. Vielleicht war er runtergerutscht, vielleicht gerissen.

Ich wollte nur noch weinen und schreien und weglaufen. Aber ich las weiter. Nichts anmerken lassen.

Und niemand lachte. Niemand reagierte darauf. Erst beim anschließenden Interview reichte mir meine Dozentin ein Tuch, das ich mir umlegen konnte, und blickte mich aufbauend an. Trotzdem wusste ich keine Antwort auf ihre Fragen darüber, wie ich zum Schreiben gekommen war und was ich als nächstes schreiben wollte. Ich sagte wohl irgendwas, aber ich weiß beim besten Willen nicht mehr, worüber ich redete.

Dann war es vorbei. Durchgefroren und verschwitzt stolperte ich von der Bühne, das Publikum klatschte. Jemand sagte mir im Vorbeigehen, dass ihm mein Text gut gefallen habe. Über den Bekleidungsunfall wurde kein Wort mehr verloren, ich zog nur schnell die Jacke über, die ich für den Heimweg noch in der Tasche hatte. Ich weinte erstaunlicherweise nicht. Ich hörte den anderen zu, stand ihnen bei, feuerte sie an. Ich gab mein Projekt nicht verloren, machte mir aber auch nicht mehr viele Hoffnungen.

Aber ein Gutes hatte das Ganze doch – das einzige, was jetzt noch schief gehen kann, ist, dass wirklich jemand mein Buch verlegen möchte. Das würde schließlich bedeuten, dass ich es zu Ende schreiben muss.

Aufgabe: Ein Worst-Case-Szenario beschreiben.

Erster Teil: https://metallstiftwunden.com/2019/04/10/sonst-noch-was/

Ein Kommentar zu „Super-GAU Pitch 2

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