Everyday Writing Challenge · Gegen das Sommerloch · Schreiben als Selbstfürsorge

Urlaub vom Ich – fiktive Geschichten schreiben

unaufgeräumter Schreibtisch mit Tastatur, Teetopf, Tasse, Stiften

Ich bin eine Bibliothek ungeschriebener Bücher. So viele Welten in mir drin. So wenig Zeit, sie zu bereisen.

Die Autoren unter uns kennen das, plötzlich ist eine Geschichte in uns drin und die will erzählt werden. Wir wissen nicht, woher die Geschichte kommt, wir brauchen dafür keine Anregung und keine Übung.

Keine Hexerei

Wirklich? Wir Autoren haben gelernt, die Geschichten in unserer Umgebung zu sehen. Wir sind gewöhnt daran und achten nicht mehr darauf. Und wenn uns dann auf einmal diese Geschichtenidee kommt und wir los schreiben, ist es vielleicht nur eine Erinnerung, so wie ein Traum nur die Verknüpfung von am Tage Erlebtem ist. Wir nehmen die Spannung der neuen Netflixserie, den seltsamen Gesichtsausdruck der Frau in der Straßenbahn neulich, den schwelenden Konflikt in unserer Beziehung und machen daraus etwas vollkommen Neues.

Und nicht nur wir machen das. Das menschliche Gehirn macht es im Träumen, die Kinder machen es im freien Spiel. Und was macht ihr, wenn ihr Lügen und Ausreden erfindet?

Lügen wir uns die Taschen voll

Ich sage gerne, wer lügen kann, kann auch schreiben. Natürlich ist das stark vereinfacht. Aber es soll uns nicht darum gehen, einen Roman zu schreiben, der gedruckt und gelesen wird. Es geht „nur“ darum, die Leichtigkeit wieder zu finden, die wir alle als Kinder hatten. Und das „nur“ ist ganz bewusst in Gänsefüßchen, denn diese Leichtigkeit ist viel wichtiger als alles Geld, das wir verdienen könnten. Haben wir sie einmal zurück, wird alles leichter, unsere Beziehungen, unsere verschiedenen Wege, den Lebensunterhalt zu verdienen, unser Umgang mit uns selbst.

Erwachsene nehmen das Leben und sich selbst allzu oft allzu schwer. Wir müssen wieder fliegen lernen.

Stellen wir einfach eine fiktive Figur, die nur fast wir selbst sind, vor unsere Probleme – schon können wir ihr Ratschläge erteilen, so wie es uns bei unseren Freunden immer viel leichter fällt, die Verwirrungen des Lebens zu lösen, als bei uns selbst. Können wir nicht in den Urlaub fliegen, weil uns das Geld fehlt oder wir der Erde nicht noch mehr Kondensstreifen antun wollen, fliegen wir einfach in den Weltraum. In Gedanken.

Lücken in fremden Geschichten füllen

Ich weiß nicht, wann die fan fiction erfunden wurde. Dass Fans die Geschichten, die sie in ihren Lieblingsserien gerne gesehen hätten, einfach selber erzählten. Über meine Frau habe ich sie vor etwa fünf Jahren kennengelernt und da zeigt sich, dass sehr viel mehr Menschen gut schreiben können, als man in den Regalen in Buchhandlungen sieht.

Natürlich sind fan fictions „einfach“. Ihr bedient euch ja einfach an Figuren und Welten, die schon existieren. Aber machen „richtige“ Autoren das anders? Sie nehmen ein bisschen hiervon, ein bisschen davon und kombinieren es. Fan fictions sind auch sehr viel schwerer, denn ihr müsst die Figuren durchschauen, ihr müsst euch an die Vorgaben halten, die nur selten explizit ausgesprochen werden. Denn vergesst nicht – die fan fictions werden von Fans gelesen. Jeder Widerspruch zur Ursprungsgeschichte wird sicher gefunden.

Und doch kann es für die von euch, die Schwierigkeiten damit haben, scheinbar aus dem Nichts etwas zu schaffen, eine gute Übung sein. Wer wollte denn nicht schon mal Urlaub im Auenland machen oder Hogwarts besuchen? Fragt ihr euch nicht, wie es mit Pretty Woman weiter geht, nachdem die Kamera abschaltet? Ist Dornröschen wirklich glücklich, nachdem sie den Prinzen endlich hat?

Inspiration ist überall

Anfänge zu finden ist nur schwer, wenn ihr versucht, den perfekten Anfang zu finden. Ich kann euch eines sagen: Den gibt es nicht und den brauchen wir auch nicht. Wie gesagt – es geht nicht um das Veröffentlichen, sondern um das Spiel der Fantasie, das uns aus dem Alltag entführt und vor Stress schützt.

Spekuliert über die Lebensgeschichte von Fremden, bereist weit entfernte Galaxien, betrachtet Bilder oder eure eigenen Träume. Ihr könnt niemanden verletzen, also denkt nicht zu viel nach. Schließt die Augen, träumt euch fort, und dann schreibt los. Und wenn wirklich nur Murks dabei herauskommt – das passiert den Besten – dann könnt ihr es immer noch wegwerfen.

Also: probiert es aus, schützt euch vor der Sonne, trinkt viel Wasser und vor allem
lest! schreibt! lebt!

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