Das Wort zum Diensttag · Everyday Writing Challenge · Gegen das Sommerloch · Tagespolitisches

Dienst an der Kunst vs. Dienst am Menschen

Mir wurde einmal gesagt, eine Schriftstellerin sei in erster Linie der Literatur verpflichtet. Aber bin ich wirklich noch in erster Linie Schriftstellerin?

In erster Linie bin ich Mieterin – denn wenn ich allen meinen Verpflichtungen nicht mehr nachkomme, fällt es hier als erstes auf. In erster Linie bin ich verpflichtet, Miete zu bezahlen, somit – Geld zu verdienen. Meine aktuelle Wohnung würde auch vom Hartz-IV finanziert werden, doch das Jobcenter lässt keinen Zweifel daran, dass Arbeitslose in erster Linie verpflichtet sind, Bewerbungen zu schreiben.

Vor beinahe einem Jahr habe ich begonnen, als Ethiklehrerin zu arbeiten. Um meine Miete zu bezahlen. Ein ganzes Schuljahr hätte ich aber sicher nicht durchgehalten, wenn dies meine einzige Motivation (geblieben) wäre. Dafür ist der Lehrerberuf eindeutig zu hart.

Und als Lehrerin ist man in erster Linie den Schüler*innen verpflichtet. Sollte man jedenfalls.

Zu wenig Zeit

Daher mein Dilemma. Natürlich befruchten das Unterrichten und das Schreiben sich gegenseitig. Ich hätte schließlich vorher niemals in Erwägung gezogen, aus der Perspektive eines Teenagers zu schreiben, das ist mir alles viel zu weit weg (gewesen). Und Ethikunterricht besteht – vor allem in der Grundschule – ganz viel aus dem Lesen, Erzählen und Schreiben von Geschichten.

Doch wenn die Schüler*innen mich fragen, was ich für Bücher schreibe, kann ich immer nur sagen, das ist nichts für euch. Psychothriller. Und wenn ich mir vorgenommen hatte, wenigstens jeden Abend eine Stunde zu schreiben, bin ich oft zu müde – ich liebe die Kinder, aber sie sind anstrengend.

Zu wenig Motivation

Ich gebe zu, ich arbeite keine acht Stunden am Tag. Ich könnte früher aufstehen. Ich könnte länger am Schreibtisch sitzen. Aber wenn ich alle Terminaufgaben für die Schule erledigt habe mich auch noch für einen Roman abzurackern, auf den niemand wartet …

Wenn ich zwischendurch eine brillante Idee für meinen Roman habe, bin ich begeistert. Doch das Schreiben selbst macht mir zunehmend weniger Spaß. Vielleicht, weil auch mir die Leichtigkeit fehlt. Weil ich zu viel über das Ergebnis nachdenke, mich nicht mehr in die Geschichte fallen lasse. Vielleicht, weil ich zu viele schlechte Rückmeldungen bekommen habe.

Zu wenig Talent?

Im Moment kommen nur Absagen zurück von meinem Pitching. Es stehen noch Antworten aus und es waren auch nur drei Absagen, aber die werden ja ihren Grund haben. Natürlich habe ich nie allein für das Veröffentlichen geschrieben, aber es war dies eine Mal schon so nahe gerückt.

Ich habe immer gedacht, Schreiben, das kann ich halt, das ist mir angeboren. Und dann habe ich im Schreibhain gelernt, was ich noch alles lernen konnte/musste. Wie wenig das Talent am Anfang ausmacht. Dass Schreiben harte Arbeit ist.

Genauso wie Unterrichten. Ich hätte nie gedacht, dass ich dafür Talent hätte. Aber die Schüler*innen finden mich großartig. (Erst gestern haben sie mir das bei der feierlichen Entlassung der vierten Klassen wieder gesagt.) Ich fühle mich gut dabei. Ich kann dieser verkorksten Welt etwas Gutes tun, wenn ich Kinder, die noch nicht auf Gewohnheiten und das-war-schon-immer-sos festgelegt sind, zu einem achtsamen Umgang mit sich, mit einander und mit der Umwelt erziehe.

Gewissenssache

Die Romane blieben immer nur in der Schublade, wenn sie überhaupt fertig wurden. Ich habe ganze Kisten voller Manuskripte im Arbeitszimmer, die ich Umzug für Umzug mitschleppe.

Den Erfolg bei den Schüler*innen sieht man manchmal schon in Wochen.

Die Manuskripte sind still und warten. Die Schüler*innen umarmen mich, vermissen mich, wenn sie mich eine Woche nicht sehen.

Ich werde das Schreiben niemals ganz aufgeben, das könnte ich gar nicht. Jetzt sind fünf Wochen Sommerferien, die ich zum Schreiben nutzen will. Und dennoch denke ich – im Moment bin ich in erster Linie meinen Schüler*innen verpflichtet. Sie konstruieren unsere Zukunft. Und gute Bücher gibt es schon genug.

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