Gegen das Sommerloch · Schreibübungen · Schreibmenschen · Workshops Kreatives Schreiben

Schlimmer geht’s immer

unaufgeräumter Schreibtisch mit Tastatur, Teetopf, Tasse, Stiften

Max und Irene hatten lange auf diesen Tag gewartet. Aber endlich waren sie vierzehn und Mama brachte sie morgens zum Heidepark, wo sie den ganzen Tag allein verbringen durften. Irene trug ihr Handy an einem Band um den Hals und Max hatte etwas Geld in der Hosentasche, mehr brauchten sie doch nicht.

Das Wetter war herrlich und es war Samstag, dementsprechend voll war der Park. Überall Eltern mit kleinen Kindern und Gruppen leicht bekleideter Jugendlicher – Irene klammerte sich an die Hand ihres Zwillingsbruders. Auf keinen Fall durfte sie ihn verlieren.

„Was zuerst? Die Fledermausbahn oder den Free-Fall?“

Irene zuckte mit den Achseln. Sie wollte nicht in den Free-Fall-Tower, aber Max wusste das auch. Und die Schlangen der Wartenden war an beiden Fahrgeschäften lang.

Ungeduldig zappelte Max von einem Bein auf das andere. „Lass das!“ Irene zog ihren Bruder am Arm. Das war so peinlich …

#1 Max stolperte zwei Schritte und knickte mit dem Fuß um. Wenn ihn nicht der Mann hinter ihm aufgefangen hätte, wäre er bestimmt mit dem Kopf aufgeschlagen und der Tag wäre zu Ende gewesen, bevor sie mit einer einzigen Bahn gefahren waren!

„Hoppla!“, sagte der Mann lachend und stellte Max wieder auf die Füße. Max schimpfte und hüpfte auf dem anderen Fuß herum.

„Man, Sis, das hat weh getan. Lass doch den Scheiß.“

„Seid ihr alleine hier?“, fragte der Mann. „Wo sind denn eure Eltern?“

Irene guckte starr geradeaus und rückte schnell auf, als Bewegung in die Menschen vor ihr kam. Erwachsene Männer im Freizeitpark, die keine Kinder dabei haben, waren irgendwie creepy. Und der war uralt, bestimmt schon dreißig oder so.

Max humpelte schimpfend hinter ihr her.

„Ich hab gar keine Lust mehr auf diese doofe Bahn. Mein Fuß tut weh. Und ich habe Hunger.“

#2 „Warum hast du auch alles schon im Auto aufgegessen? Wir können doch jetzt nicht mehr aus der Schlange raus, wir sind doch gleich dran!“ Irene griff wieder nach Maxens Hand. Er konnte echt so ein Kleinkind sein.

Die Bahn hielt und ein Schwung glücklicher Fahrgäste stieg aus. Irene zählte schnell durch. „Schau, beim nächsten Mal können wir schon mit!“

Max knurrte sie nur an, lehnte sich an eine Metallabsperrung und massierte seinen Knöchel.

„Wollen wir uns danach Pommes holen?“, fragte Irene genau in dem Moment, in dem der Imbissstand gegenüber seine Laden herunterklappte. Es war noch nicht mal Mittag, der konnte doch jetzt nicht schon zu machen?

„Wohl nicht“, maulte Max.

Irene gab ihm eine leichte Kopfnuss. So ein Baby, wirklich. „Es wird wohl in diesem großen Park noch einen Stand geben, der etwas zu essen für uns hat.“

#3 Oder auch nicht. Eine Gruppe Menschen mit roten Verdi-Westen kam einen Weg herunter marschiert und holte die Mitarbeiter aus dem Imbissstand ab. Einige hatten Tröten, andere brüllten einen unverständlichen Satz im Chor.

Max hatte es die Sprache verschlagen.

Auch der Mann hinter ihnen riss erstaunt die Augen auf. „Echt jetzt? Die Gastronomiemitarbeiter streiken? An einem Samstag in der Hochsaison? Das ist ja mutig. Da werden ihnen doch hungrige Teenies die Buden einrennen.“ Er lachte.

Und tatsächlich folgte den Streikenden eine Horde Jugendlicher, die sie beschimpfte. Deren Sprechchor war viel besser zu verstehen: „Wir haben Hunger, Hunger, Hunger, haben Hunger …“

Andere Leute in der Warteschlange schüttelten lachend die Köppfe, Lunchpakete wurden ausgepackt und geteilt. Max bekam von einer fremden Frau eine halbe Schokowaffel. „Wir sind doch hier, weil wir Abenteuer wollen. Das hier ist ein Abenteuer“, lachte sie.

Auch Max lachte wieder. „Wir lassen uns doch unseren freien Tag nicht verderben, oder, Sis? Und gleich sind wir dran, die Bahn ist schon in der letzten Kurve.“

#4 Das war sie. Und das blieb sie. Von einem Moment auf den anderen blieb die Bahn einfach stehen. Zuerst reagierte niemand. War das Absicht? Dann kamen wichtig aussehende Menschen angelaufen, ein Kind in der Bahn, die bestimmt zehn Meter über dem Boden in gruseliger Schräglage hing, begann zu schreien.

Max hatte seinen verstauchten Fuß anscheinend schon wieder vergessen und stampfte auf dem Boden auf, dann schrie er vor Schmerz und Zorn. „Direkt bevor wir dran sind. Das glaube ich jetzt nicht. Eine Stunde Warten für gar nichts.“

„Besser, als wenn wir da oben säßen“, wandte Irene ein, aber das ging im Durcheinander unter. Ordner drängten die Wartenden zurück und verteilten Essensgutscheine, um die Laune zu verbessern (als würde das funktionieren bei dem Streik), ein Leiterwagen wurde herangefahren, um die gestrandeten Fahrgäste zu retten. Die Lichter an der Bat-Bahn gingen aus. Außer Betrieb.

Max und Irene ließen sich von der Menschenmenge mittragen. Auf einmal zog Max Irene zur Seite. „Guck mal, an der Märchenbahn steht grad gar keiner. Lass uns damit fahren!“

Märchenbahn. Das wollte Irene doch eh viel lieber. Und Max bestimmt auch, wenn er ehrlich wäre. Aber seit er vierzehn war, gab er das leider nicht mehr zu.

Aufgabe: Mensch ärgere dich nicht. Schreibe dir zunächst verschiedene Störfaktoren, die bei Unternehmungen auftreten können, auf Karteikärtchen. Lasse dir dann ein Ausgangsszenarion geben – in diesem Fall Geschwister im Freizeitpark. Und dann lasse deinen Figuren ale fünf bis zehn Minuten eine „Katastrophe“ von deinen Kärtchen geschehen – und zeige ihnen, dass sie auch etwas Gutes haben kann.
Eintretende Störungen:
#1 Jemand verletzt sich.
#2 Es gibt nichts (mehr) zu essen.
#3 Es gibt einen Streik.
#4 Etwas geht kaputt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s