Everyday Writing Challenge · Gegen das Sommerloch · Mia Maulwurf

Kapitel eins

in dem Mia aus ihrem Bau ausgegraben wird und zum ersten Mal die Musik hört.

Zeichnung eines Maulwurfs

Es war wohl irgendwann im Frühling – und nicht nur, weil alle guten Geschichten im Frühling beginnen. Es war irgendwann im Frühling, als Elli, das Einhorn, weiter in den Wald hinein spazierte als je zuvor.

Es war wohl ein Sonntag, jedenfalls schien die Sonne und Elli hatte gar nichts Besonderes vor. Sie ging einfach so spazieren, knabberte hier ein wenig an einer Blume, scharrte dort ein wenig mit den Hufen und lauschte dem Gezwitscher der Vögel.

Als Elli an einer Stelle unter einer großen Eiche, die sie bisher noch nie besucht hatte, scharrte, hörte sie auf einmal ein lautes Niesen. Sie hielt mit dem Scharren inne – alles war still. Als sie jedoch nachdenklich an einem Grasbüschel zupfte, war da wieder dieses Niesen, dann ein lautes Geschrei.

„Hilfe, Hilfe! Die Welt stürzt ein! Zu Hilfe! Aber ich habe es mir ja immer gedacht. Ich bin ja ganz alleine auf der Welt, wer sollte mir denn zu Hilfe kommen. Hatschi! und jetzt habe ich auch noch Erde in die Augen bekommen.“

Elli runzelte verwirrt – und zugegebenermaßen auch ziemlich amüsiert – die fellige Stirn und pustete leicht auf den sich bewegenden Erdhaufen vor ihr. Darunter kam eine spitze Nase mit einem beeindruckenden Schnurrbart und eine ziemlich verdreckte Brille zum Vorschein.

„Nanu, jetzt ist zwar die Welt untergegangen, aber es ist gar nicht heiß in der Hölle. Im Gegenteil ist es eher kühl. Hatschi! Ich werde mir noch einen Schnupfen holen.“ Beim Schütteln der schnurrbärtigen Nase fiel einiger Sand von der Brille. „Uihh! Und hell ist es hier. Was soll denn das? Da kann ja niemand etwas sehen! Naja, außer mir ist ja eh niemand hier. Und dass es für mich nicht gut ist, war ja wohl klar. Soll es ja auch gar nicht. Wär ja noch schöner, wenn es einen Platz im Irgendwo gäbe, wo es mir – huch!“

Blind war das Tier gegen eins von Ellis langen Beinen gestolpert. Elli kicherte leise. Das schimpfende kleine Wesen blinzelte sie verwirrt hinter den dicken Brillengläsern hervor an.

„Wer bist denn du? Und was machst du denn hier? Wie kommst du auf die Idee, einfach in meine Welt einzudringen? Wahrscheinlich warst ja auch du es, die meine Welt zum Einsturz gebracht hat? Wo kommst du überhaupt her? Und was soll dieser Lärm und dieses Licht?“

Elli kicherte weiter, bis das kleine Wesen zu Ende geschimpft hatte. „Ich bin Elli Einhorn und das, was du deine Welt nennst, ist nur ein kleiner Teil des Waldes, in dem ganz viele Tiere wohnen. Und der Wald ist vielleicht auch nur ein Teil von etwas noch Größerem, aber so weit bin ich noch nie gegangen. Ob der Wald ein Ende hat und was danach kommt, das weiß ich nicht.“

Das kleine Wesen sah ziemlich skeptisch aus. „Das kann ich dir kaum glauben. Ich lebe hier schon – ich weiß nicht genau, aber ziemlich lange. Und dieses Licht gab es noch nie und diesen Lärm gab es noch nie und Einhörner sowieso nicht. Und das Einzige, was ich jetzt davon habe, dass es Einhörner gibt, ist Sand in der Nase. Und kein Zuhause mehr. Weil mir der Himmel auf den Kopf gefallen ist.“

„Ach Quatsch, der Himmel!“ Elli kicherte wieder und Seifenblasen stoben aus ihren Nüstern. „Der Himmel ist nach wie vor über dir. Ein bisschen Erde ist dir auf den Kopf gefallen, das ist alles. – Und was das andere angeht, wer immerzu unter der Erde lebt, kann auch kein Licht sehen. Daran wirst du dich gewöhnen. Und das was du Lärm nennst, ist Musik. Hör doch mal genau hin und hör auf zu schimpfen. Das ist der Gesang der Vögel und des Windes, der Bäume und der Schmettellinge. Es gibt doch wirklich nichts Schöneres. Wie heißt du eigentlich und was für ein Tier bist du?“

„Wie ich heiße? Warum sollte ich denn einen Namen haben? Bis vor fünf Minuten war ich schließlich noch alleine. Wer hätte mich denn bei einem Namen nennen sollen? Und was für eine Art Tier ich bin? Na, die einzige. Ich bin Das Tier. Andere gibt es schließlich nicht. Naja, bis vor fünf Minuten gab es jedenfalls keine anderen.“

„Hmm.“ Elli starrte nachdenklich in die Luft. „Ein Einhorn bist du jedenfalls nicht. Aber das werden wir schon noch herausfinden. Erstmal werde ich dich Mia nennen, weil mir gerade nichts anderes einfällt. Wenn du nichts dagegen hast.“

Das Wesen, das ab jetzt Mia hieß, zuckte mit den Achseln und schlüpfte damit vollends aus der Erde. „Von mia aus. Meiner Erfahrung nach werden wir uns eh nie wieder sehen, du kannst mich also nennen, wie du willst. Es ist kalt hier, übrigens.“

Elli kicherte leise.

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