Das Wort zum Diensttag · Everyday Writing Challenge · Gegen das Sommerloch

Teilzeit-arbeitsunfähig

Demo

Als mein Psychiater mich darauf vorbereitete, dass ich mich möglicherweise damit abfinden müsse, niemals so belastbar wie andere zu sein, war ich gerade arbeitslos. Ich ließ mich nicht krankschreiben – ich war ja arbeitslos. Aber wer nicht krankgeschrieben ist, kann ja wohl vier Bewerbungen im Monat schreiben. Ernstgemeinte Bewerbungen, nicht solche, denen man anließt, dass di*er Bewerber*in die Stelle eigentlich gar nicht will.

„Wenn Sie Bewerbungen nur für mich schreiben, können Sie es auch gleich lassen.“ (Jobcentermitarbeiter*in 1)
„Aber im Vermittlungsvertrag haben Sie zugestimmt, dass Sie vier Bewerbungen im Monat schreiben. Gerade von Akademikern sollte man doch erwarten können, dass sie arbeiten wollen.“ (Jobcentermitarbeiter*in 2)
„Sie haben sich bisher immer ohne Foto beworben? Kein Wunder, dass das nichts wird.“ (Jobcentermitarbeiter*in 3)
„Ach, im akademischen Kontext braucht man gar kein Foto.“ (Jobcentermitarbeiter*in 4)

Ich war lange arbeitslos, ich hatte viele Sachbearbeiter. Und dabei habe ich nie faul zu Hause rumgesessen, ich habe ehrenamtlich unterrichtet, ich habe für meine Dissertation recherchiert. Oft habe ich mir gewünscht, mich arbeitsunfähig schreiben zu lassen, um das Jobcenter vom Hals zu haben. Aber so richtig arbeitsunfähig bin ich ja nicht.

Von null auf hundertzehn in zwölf Monaten

Dann habe ich wieder angefangen zu arbeiten. Im Januar habe ich meinen Lieblingsunverpacktladen gefragt, ob sie nicht meine veganen Cookies verkaufen wollen. Kleingewerbe hatte ich ohnehin noch gemeldet. Im Mai habe ich in einer Rehaeinrichtung angeboten, wieder Kreatives Schreiben zu unterrichten (ich hatte bereits während des Studiums dort gearbeitet) und gleich auch Englischkurse übernommen. Im August wurde die Schule eröffnet, in der ich jetzt Ethik unterrichte. Im nächsten Januar wollte eine Kollegin in der Reha kürzer treten und hat mir zwei ihrer Kurse übertragen.

Da stand ich nun: (je nach Nachfrage bis zu) drei Stunden pro Woche backen. Fünf Kurse à neunzig Minuten in der Reha, plus Vor- und Nachbereitung fünfzehn Stunden wöchentlich. Zwölf Stunden in der Schule. Außerdem hatte ich da noch eine Weiterbildung für die Lehrerlaubnis, meine Dissertation, meine Autorenweiterbildung, meinen Roman. Locker mehr als vierzig Stunden die Woche.

Von hundertzehn auf fünfzig in drei Wochen

Und natürlich habe ich es nicht durchgehalten. Ich kam zu spät, ich meldete mich immer öfter krank, ich gab Kurse in der Reha wieder ab und meine Dissertation habe ich seit Monaten nicht mehr angerührt. In der Reha habe ich es so weit getrieben, dass sie mich komplett aus dem Stundenplan genommen haben. Freiberuflich heißt halt nicht, nur kommen, wenn man gerade die Kraft dafür hat.

Was hätte ich anders tun sollen? Nein sagen, na klar. Aber ab wann? Wenn eine von diesen Tätigkeiten mir keinen Spaß gemacht hätte, wäre es ein leichtes gewesen. Aber alles habe ich gern gemacht und noch mehr. Tausend Ideen und Projekte haben es nicht mehr von meinem Kopf in meinen Terminkalender geschafft, ich sprudele immer über vor Ideen und kann nicht mal die Hälfte umsetzen.

Wie weiß ich vorher, wann ich mich übernehmen werde? Erfahrungswerte. Aber ich war so lange arbeitslos, so lange am Existenzminimum, dass es mir schwer fällt, zu einer Verdienstmöglichkeit nein zu sagen. Ich weiß, Vollzeit in der Schule würde ich nicht aushalten, zu viel Zeit mit den wunderbaren Kindern, zu denen ich mich weder abgrenzen kann, noch will. Aber Erwachsene zu unterrichten ist doch etwas ganz anderes. Und Backen ein Drittes.

Balance zwischen zu Hause und Draußen

Zusammensein mit Menschen strengt mich immer besonders an. Ich sollte mehr alleine am Schreibtisch arbeiten. Aber abgesehen davon, dass es verdammt schwer ist, bezahlte Tätigkeiten für Schreibtischtäter zu finden (braucht jemand ein Lektorat/Korrektorat?), fehlt mir da der soziale Druck. Und da ich so müde bin von meinen Kontakten zur Außenwelt, kann ich mich zu Hause schlecht aufraffen. Ein Teufelskreis.

Da ich in der Reha ausgeplant wurde und in der Schule Sommerferien habe, kann ich mich zu Hause einigeln. Das Backen ist sozial entspannt, die Mitarbeiter*innen und Kund*innen im Laden sind alle wie ich, introvertiert, hoch reflektiert, ihrer Unperfektheit bewusst und stolz darauf. Und da mein Schulleiter ungewöhnlich großartig ist, ist mein Lebensunterhalt trotzdem gesichert. Hoffentlich kann ich zur Ruhe kommen und mich neu aufstellen.

Aber ich bin nicht teilzeit-arbeitsunfähig. Ich bin nur anders arbeitsfähig. Nicht vierzig Stunden die Woche in der Außenwelt. Nicht mal jede Woche vierzig Stunden. Dafür manche Woche sechzig. Und wir brauchen dringend eine Arbeitswelt, die das berücksichtigt!

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