Everyday Writing Challenge · Gegen das Sommerloch · Schreiben als Selbstfürsorge

Ich wär so gerne wie du – sich andere Rollen erschreiben

unaufgeräumter Schreibtisch mit Tastatur, Teetopf, Tasse, Stiften

Als letztes Kapitel im Bereich „Das Ich vergessen“ geht es nun darum, ganz bewusst wer anders zu sein. Das beginnt schon bei der bereits angesprochenen Fan-Fiction, denn die Charaktere der handelnden Figuren sind ja durch die Serienautor*innen schon vorgegeben. Oder wir erschreiben uns eine Rolle, die wir bald selbst einnehmen könnten (z.B. wie wäre es, eine Mutter zu sein?). Dann hat das Schreiben eher die Funktion der Selbsterkenntnis.

Oder es geht um das Erkunden einer Rolle einfach um des Erkundens Willen. Aus Neugier. Um uns selbst zu vergessen.

Ein paar Meter in deinen Schuhen

Das Erleben von Alltagssituationen durch die Augen eines anderen steigert das Verständnis, die Weltoffenheit. Wie mag es wohl sein, als Mensch mit einer anderen Hautfarbe Straßenbahn zu fahren? Wie fühlt es sich an, als Frau alleine in eine Disko zu gehen? Was sind Treppenstufen, wenn wir achtzig Jahre alt sind?

Natürlich können wir uns niemals vollständig in einen anderen hineinversetzen. Doch selbst wenn wir einen anderen fragen, werden wir ihn/sie nie vollständig verstehen. Wir können uns verkleiden – ich habe z.B. immer noch vor, die Magdeburger Innenstadt (a) als Drag-King, (b) mit Kopftuch und (c) mit Minirock zu erkunden, und diese Erfahrungen mit meinen normalen Erfahrungen (meist in bunten Aladinhosen) zu vergleichen. (Wenn ich das endlich gemacht habe, werde ich darüber schreiben.)

Aber nicht immer kennen wir jemanden, den wir ausfragen können, nicht alle Rollen können wir nachspielen, um sie kennenzulernen.

Das Papier als Bühne

Ähnlich wie im Method Acting (einer Lehrmethode für das Schauspiel) fragen wir uns zunächst über unsere Rolle, wer sie ist, wo sie ist, was sie tut und was bisher geschehen ist. Wenn wir diese Rahmenpunkte gesetzt haben, vertrauen wir unserem Unterbewusstsein und unserem Instinkt. Alle Menschen sind verschieden, doch das kommt u.a. stark dadurch, dass wir alle anderes erlebt haben. Die menschlichen Gefühle lassen sich auf wenige Grundgefühle zurückführen, die wir alle haben.

Wenn ich auf der Straße einen Bettler sehe, weiß ich nicht, was er fühlt. Aber wenn ich mir vorstelle, ich wäre zwanzig Jahre älter, hätte seit Jahren ein Alkoholproblem, um die Schwierigkeiten aus dem Elternhaus zu vergessen (Vorsicht, Klischee!) und stände jetzt hier vor dem Supermarkt, um mir das nächste Bier zu verdienen, stellt sich sofort ein Gefühl ein. Ob das auf diesen konkreten Bettler vor mir zutrifft, kann ich nicht wissen. Aber ich kann auch nicht wissen, dass es nicht zutrifft.

Keine Wahrheiten, nur Gefühle

Vielleicht sind wir nach dieser Reise in das Leben des obdachlosen Alkoholikers auch einfach nur froh, dass es nicht unser Leben ist. Wir müssen hin und wieder über den Tellerrand schauen, um unseren Ärger über die nervigen Kollegen oder die hohen Spritpreise zu relativieren.

Natürlich können wir uns auch eine sehr viel schönere Rolle aussuchen, um in ihr auszuruhen. Wie ist es wohl, eine gut genährte Hauskatze zu sein? Schnurrrr ….

Wichtig ist, dass wir uns hier nicht auf die Suche nach Wahrheiten begeben, mit denen wir später andere konfrontieren. Uns in die Rolle eines Kriegsflüchtlings aus Syrien zu versetzen, gibt uns nicht das Recht, über Flüchtlinge zu urteilen. Nachdem ich auch nur eine von ihren Geschichten gehört habe, kann ich ohnehin versichern, das können wir uns als Deutsche gar nicht vorstellen.

Aber weil es nicht um Wahrheiten geht, können wir unseren inneren Kritiker getrost nach Hause schicken. Hier gibt es nichts zu kritisieren. Wir müssen uns selbst so gut es geht vergessen, um uns ganz in die Rolle fallen zu lassen. Das ist schwer. Aber wenn es nicht klappt, ist es auch nicht so wild. Es geht doch um nichts.

Also, sucht euch einen Menschen aus, dessen Leben euch interessiert. Wer ist er/sie? (Ein Faultier.) Wo ist er/sie? (Auf einem dicken Ast.) Was ist bisher geschehen? (Nicht viel.) Und was tut er/sie gerade? (Rrrrrrrrrrrrr…..)

In diesem Sinne: Nehmt euch selbst nicht so wichtig und
lest! schreibt! lebt!

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