Gegen das Sommerloch · Throwback Thursday

Große Leidenschaft – wenig Energie

aufgeklapptes Buch
Seiten sprechen zu mir … flüstern vom Fliegen, vom Träumen, vom Leben …

Große Künstler, Schauspieler, etc. sagen, große Träume erfordern große Kraft, willst du viel erreichen, musst du viel arbeiten.

Mein Psychiater sagt, nehmen Sie sich mal etwas zurück, tun Sie sich etwas Gutes.

Mein Jobcenter-Betreuer sagt, wir müssen jetzt unbedingt eine sozialversicherungspflichtige Arbeit für Sie finden.

Mein Körper sagt, bleib im Bett.

Alle sagen immer wieder, du hast es doch in der Hand, du kannst doch entscheiden, was du tust. Ich wünschte, es wäre so. Ich wünschte, ich könnte viel Energie in das Schreiben stecken, ohne Angst vor finanziellen Schwierigkeiten. Ich wünschte, ich könnte mir eine Stelle suchen, ohne zu befürchten, dass jede Anstellung mein Schreiben behindert. (Ich wünschte, es gäbe wirklich ausreichend Stellen für nicht-promovierte Philosophen.) Ich wünschte, ich könnte mich wenigstens einen Tag entspannen, ohne an all das zu denken, was ich noch tun muss.

Ich wünschte, ich könnte einen Tag im Bett bleiben und mich dann wirklich am nächsten Tag erholt fühlen und nicht nur noch mehr unter Druck.

Ich wünschte, ich hätte eine Wahl.

Und immer wieder denke ich, wozu mache ich das überhaupt? Warum vergeude ich so viel Kraft und Zeit auf’s Schreiben, wenn ich doch so wenig davon habe? Und warum zum Teufel habe ich nicht einfach Verkäufer gelernt? Warum reicht ein gutes Leben nicht, damit ich mich gut fühle?

Und genau in dieser Stimmung sehe ich „Greatest Showman“ im Kino. Ein Film über große Träume und Armut, über einen kreativen Menschen an der Rechenmaschine, der seine Träume erst durch den Mut der Verzweiflung während einer Arbeitslosigkeit umsetzt. Der, wie alle großen Träumer, ein bisschen zu weit geht, als er plötzlich Erfolg hat, dem es nicht reicht, Menschen zu amüsieren, wenn doch das gute Bürgertum immer noch über ihn lacht. Der alles verliert und wieder aufsteht.

Ein Film voller Farbe und Energie und Musik. Ein Film, in dem die Ausgestoßenen die Show vorantreiben und Zirkuskönig werden und der nicht verschweigt, wie schwer es manchmal ist, große Träume zu haben. In der aber am Ende alles aufgeht, sonst wäre ja auch kein guter Film daraus geworden.

Könnte ich doch nur glauben, dass es im Leben genauso läuft. Könnte ich doch nur meinen Traum durch die Durststrecken retten, darauf warten, bis die Welt meinen Traum endlich sieht.

Auch ich habe den Kopf so voller Träume, dass ich nachts nicht schlafen kann.

Schon allein durch die kraftvolle, manchmal trotzige Musik einzigartiger Menschen kamen mir die Tränen und nach Ende des Films wollten sie nicht mehr versiegen. Wie leicht ist es doch, den Film seines Lebens aus den Augen zu verlieren, wenn man am (ver)zweifeln ist. Und ich möchte diesen Mut der Verzweiflung haben, der aus jeder Silbe spricht. Ich möchte meinen Traum durch alle Zweifel, alle Verluste, alle Brände retten.

Ich möchte auch an diesem Ende ankommen, an dem ich auf etwas Erreichtes zurückschauen kann und den Staffelstab weiterreichen an die nächste Generation. Aber anders als im Film dauert das Jahre. Noch gehöre ich zu der jungen Generation, die kämpfen muss um Sichtbarkeit. Immer kämpfen.

Schon als Kind habe ich davon geträumt, alles hinter mir zu lassen und mit einem Zirkus davon zu rennen. Irgendwann werde ich meinen großen Zirkusroman schreiben.

Für den Moment habe ich Kraft und Mut geschöpft. Ich weiß nicht, ob mich das durch den ganzen Roman trägt, an dem ich gerade sitze. Aber gottseidank kann man sich Filme ja immer wieder ansehen.

(Erstmals veröffentlicht am 14. Januar 2018)

4 Kommentare zu „Große Leidenschaft – wenig Energie

  1. Oh, wie gut ich das alles kenne – wunderbar und witzig auf den Punkt gebracht! Danke!
    (Und es wird eine Zeit kommen in der wundersame Sachen geschehen und alles leichter wird als es jemals war, und du wirst es nur verstehen weil du alles andere vorher durchgemacht hast… Und du musst das nicht glauben damit es passiert…)

    Gefällt 1 Person

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