Das Wort zum Diensttag · Everyday Writing Challenge · Gegen das Sommerloch

Die Maschinerie am Laufen halten – Im Dienst des Hamsterrads

Gestern Abend wollten meine Frau und ich einfach einen lustigen, leichten Film zum Feierabend gucken. Wie misleading ein Trailer doch sein kann … jedenfalls schauten wir uns den deutschen Film „100 Dinge“ an, in dem Florian David Fitz und Matthias Schweighöfer auf Grund einer Wette versuchen, hundert Tage ohne Konsum zu leben. Und ohne die vielen großen und kleinen Dinge, die sie im Laufe ihres Lebens schon angesammelt haben. Sie starten ohne alles – nackt, ohne Möbel, ohne Handy, sogar ohne Kaffeetasse. Jeden Tag um Mitternacht dürfen sie sich eine Sache zurückholen. Wer schummelt oder aufgibt, verliert die Hälfte des Anteils an der gemeinsamen Firma an die Mitarbeiter*innen. Und das scheint viel zu sein, denn ein großer Abschluss steht ins Haus.

So weit, so gut. Der Trailer versprach witzige Unterhaltung, nackte, betrunkene Mannkinder, die versuchen, einander in Dummheiten zu überbieten. Ohne zu viel zu verraten, kann ich sagen – das war weit gefehlt. Wie so oft fasst der Trailer einfach die witzigsten Szenen zusammen und der Film ist dann ganz anders. Und viel mehr verrate ich nicht darüber, schaut ihn euch an.

Was brauchen wir wirklich?

Der Film hat mich zum Nachdenken gebracht. So sehr, dass ich aufgehört habe, an meinen Dreads herumzufummeln, was ein gutes Zeichen ist. Ich kann die Hände nie lange still halten.

Wir alle haben so schrecklich viele Dinge. Auch ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich etwas kaufe, um zu kaufen. Nicht, weil ich dieses Ding brauche. Ich habe nicht sehr viel Geld und ich kaufe möglichst nachhaltig, somit teuer. Ich mache keine Schulden. Ich habe keine krankhafte Kaufsucht (wie sie im Film sehr sensibel thematisiert wird). Und dennoch habe ich viel mehr, als ich wirklich brauche.

Ich habe mal begonnen, eine Liste mit hundert Dingen, die ich brauche, zu notieren. Beginnend bei Null, also startet sie mit Unterhose, Tanktop und Hose. (Es ist Sommer. Im Film machen die beiden ihre Wette bei Schnee, kein Wunder, dass ihnen eine Unterhose nicht für den ersten Tag reicht.) Und nach Dingen zur Zubereitung von Kaffee (Tasse, Filter, Wasserkocher, Kaffeepulver) kommmt mein Handy schon auf Rang acht. Und dabei halte ich mich für relativ Handyabstinent.

Okay, wie Matthias Schweighöfer im Film betont, das Handy sind schon mehrere Dinge in einem. Bevor ich mir meinen CD-Player und eine CD (für die ich mich dann nicht entscheiden könnte) zurückwünsche, nehme ich doch das Handy. Mit Spotify. Mit gaaaanz viel Musik. Und Hörbüchern. Denn meine private Bibliothek besteht wahrscheinlich aus zehn mal hundert Büchern oder mehr, wie soll ich mich entscheiden?

Den Alltag entschlacken

Dinge loszuwerden ist die zu erwartende Gegenbewegung zum omnipräsenten Kapitalismus. Jede Bewegung löst früher oder später eine Gegenbewegung aus, also ist es nicht weiter überraschend, dass Aussortieren gerade ziemlich en vogue ist. Und auch wenn ich es nicht vorhabe, ich hänge an meinen Dingen, ist es doch mal ganz spannend, darüber nachzudenken.

Manche Menschen ziehen aus freien Stücken in ein Tinyhouse, andere müssen ihr ganzes Leben hinter sich lassen und fliehen. Die Überlegung, was wir wirklich brauchen, ist also aktueller denn je. Dabei sind natürlich zwei Dinge zu unterscheiden – im Film wird die ganz pragmatische Seite betrachtet. Was BRAUCHEN wir, im Sinne von, was NUTZEN wir. Dass bei dieser Liste eine Unterhose auf Platz eins steht, ist nicht verwunderlich. Aber wenn ich fliehen müsste, würde ich andere Dinge in meinen Koffer packen.

Woran hängen wir?

Also sollten wir eine zweite Liste machen. Zunächst hundert Dinge, die wir nutzen. Dabei müssen wir nur unseren Alltag beobachten, alles notieren, was wir gebrauchen. Kissen, Decke, Matratze. Und dann das, was wir mitnehmen würden, wenn uns nur hundert Dinge erlaubt sind. Meine limitierte „Herr der Ringe“-Ausgabe auf jeden Fall. Mein Lieblingskuscheltier. Meine Notizbücher. Mein Tablet. (Aber wegen der Daten, nicht wegen der Hardware.) Mein Koffer wäre wohl ziemlich schwer, so viele handschriftliche Manuskripte.

Was würde mir mehr fehlen, wenn ich es verlieren würde? Nackt und ohne Kaffee würde ich mich ziemlich unwohl fühlen. Aber das kann ich neu kaufen. Mein total zerfleddertes Exemplar von Hannah Greens „Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen“ mit den vielen Markierungen und Notizen? Ich habe es lange nicht mehr in der Hand gehabt. Ich habe es so oft gelesen, dass erneute Lektüre mir vermutlich nicht viel Neues geben würde. Aber zu wissen, dass ich es jederzeit aus dem Regal nehmen könnte, fühlt sich gut an. In Räumen ohne Bücher fühle ich mich nicht wohl.

Besitzen ohne besetzt zu sein

Besitzt ihr eure Dinge oder besitzen die Dinge euch? Das ist sicher gar nicht so leicht zu unterscheiden. Trotzdem denke ich nicht, dass Besitz (auch wenn es viele Dinge sind) immer etwas Schlechtes ist. Problematisch wird es erst, wenn ihr euch nicht mehr wohlfühlt, weil überall Kisten herumstehen. Wenn ihr Schulden macht. Wenn ihr euch gerne von Dingen trennen würdet, euch das aber Angst bereitet.

Und wenn ihr umziehen wollt und euch niemand mehr helfen will, die vielen Bücherkisten zu tragen. Ich behalte sie trotzdem. Wozu gibt es Umzugsunternehmen?

Um noch einmal auf den Film zurückzukommen: Er endet mit einer einfach ausgesprochenen, aber sehr schwer zu lebenden Weisheit: Wir alle haben ein Loch in unserer Seele, das wir füllen wollen. Mit Konsum, Drogen, Arbeit, Menschen. Aber dieses Loch lässt sich niemals dauerhaft füllen. Vielleicht müssen wir dies einfach akzeptieren und gemeinsam unfertig sein.

In diesem Sinne: Tut euch ruhig etwas Gutes, aber schont dabei Ressourcen (eure eigenen, die eurer Mitmenschen und die der Erde), und vor allem
lest! schreibt! lebt!

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