Everyday Writing Challenge · Gegen das Sommerloch · Mia Maulwurf

Kapitel Vier

in dem Mia angestupst wird und zurückstupst.

Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei

Nach der Begegnung mit Hans-Harald Hase war die Welt für Mia gestorben. Wozu sollte sie denn ihren Bau verlassen, wenn sie so mangelhaft und sinnlos war. Wozu sollte sie dem Gesang der Vögel lauschen, wenn sie gar nicht richtig hören konnte, wozu halb blind in die Sonne blinzeln.

Wenn sie selbst völlig sinnlos war, konnte sie auch einfach in ihrem Moosbett liegen und an die Decke starren.

(Auch wenn das schrecklich langweilig war.)

„Wer würde mich denn schon vermissen“, sagte Mia zu sich selber. „Wenn ich einfach hier liegen bleiben würde“, sagte Mia zu sich selber. „Wenn ich doch so sinnlos bin.“

Mia nieste. Erde rieselte von der Decke.

„Selbst für meine Wohnung bin ich nicht gut“, sagte Mia zu sich selber. „Ich niese und schon fällt mir die Decke auf den Kopf.“

Wieder rieselte es. Durch den Staub hörte Mia ihren Namen, aber das hieß natürlich nicht, dass dort wirklich jemand war, der nach ihr rief.

„Wer sollte mich auch rufen?“, sagte Mia zu sich selber. „Ich bin doch ganz sinnlos. Warum sollte irgendjemand nach mir suchen?“

Ein Gänseblümchen schob sich durch die Decke. „Nanu“, sagte Mia zu dem Gänseblümchen. „Du wächst in die falsche Richtung.“

Das Gänseblümchen antwortete nicht.

„Mia!“ Wieder der Ruf und Erde von der Decke. „Mia! Wo steckst du denn?“

Eine weiße Einhornnase schob sich durch den Weingang und riss die Wände ein.

„Nanu“, sagte Mia zu sich selber. „Jetzt stürtzt schon wieder meine Welt ein“, sagte Mia zu sich selber. „Wenn das mal nicht schon wieder das Einhorn ist“, sagte Mia zu Elli und grinste schief.

Elli antwortete nicht. Ihre Schnauze steckte so fest im Weingang, dass sie nicht sprechen konnte. Sie schnaubte nur zärtlich und pustete Seifenblasen in die dunkle Höhle.

Mia blieb im Bett. „Nanu, dass das Einhorn sich noch an mich erinnert“, sagte Mia zu sich selber. „Das, obwohl ich so sinnlos bin“, sagte Mia zu sich selber. „Das muss doch verrückt sein.“

Elli prustete laut los und sprengte damit vollends den frisch reparierten Weingang. „Du bist selber verrückt. Hörst du etwa auf den Hasen?“

Mia zuckte traurig mit den Achseln.

„Nun, komm raus aus deiner Höhle. Die Sonne scheint.“ Elli zog ihre Nase aus dem zerstörten Weingang zurück und schüttelte sich.

„Aber ich bin doch ein Maulwurf. Sonne ist nicht gut für meine Augen.“ Mia blieb im Bett.

„Dann lass sie zu. Die Vögel kannst du trotzdem hören.“

„Aber ich habe doch nur ganz winzige Ohren. Ich höre doch gar nicht richtig.“ Mia blieb im Bett.

„Aber gefiel es dir nicht letzte Woche noch, was du gehört hast? Ganz egal, ob es richtig war oder nicht?“

Mia blinzelte irritiert. So hatte sie noch gar nicht darüber nachgedacht … „Vielleicht hat das Einhorn ja Recht“, sagte Mia zu sich selber. Langsam schon sie ein kurzes, dickes Bein aus dem Bett. „Aber ich bin hässlich.“

„Wirst du dir etwa einreden lassen, dass du hässlich bist, nur weil du kein Hase bist?“ Elli Einhorn schnaubte wütend. „Du bist ein wunderschöner Maulwurf.“

„Findest du?“ Mia krabbelte aus dem Bett und blinzelte unsicher aus dem Weingang.

Elli stupste sie mit der Schnauze an und hüllte den Maulwurf in eine Wolke aus Seifenblasen. Mias Grinsen zog sich von einem winzigen Ohr zum anderen.

„Vergiss doch, was Hans-Harald Hase sagt“, flüsterte Elli zärtlich. „Es ist doch nicht wichtig, was du bist, sondern nur, wer du bist. Und die, die du bist, hab ich sehr gern.“

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