Schreibübungen · Workshops Kreatives Schreiben

Die Schokogestikuliererin oder warum das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages ist

unaufgeräumter Schreibtisch mit Tastatur, Teetopf, Tasse, Stiften

Warum das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages sei, erklärte Aenne mit dem Buttermesser in der Hand, von dem warmer Schokoaufstrich tropfte. Sie hatte mit eben diesem Messer das frische Aufbackbrötchen aufgeschnitten und das heiße Besteck gleich in das Aufstrichglas gesteckt.

Evelyn war wie hypnotisiert von dem braunen, süßen Tropfen, der über Aennes weiße Bluse und die absolut staubfreien Dielen des Terrassenbodens schwebte, bevor er über dem aufgeschnittenen Brötchen vom Messer fiel. Wie machte sie das?

„Hörst du mir überhaupt zu?“ Aenne verstrich die Schokolade auf ihrem Brötchen zu einer glatten, dünnen Schicht. Man könnte darauf Schlittschuh laufen, wenn sie nicht so warm wäre. „Evi?“

Evelyn sah auf. Sie hasste es, dass ihre Schwägerin sie mit dem gleichen Spitznamen ansprach, den ihr verstorbener Mann immer genutzt hatte. Sie hasste es, dass ihre Schwägerin so nett zu ihr war, obwohl sie sie doch offensichtlich nicht leiden konnte. Und am meisten hasste sie, dass auch sie selbst freundlich bleiben musste. Weil sie hier ja Gast war. Sie nickte.

„Du bist schwanger, Evi. Du solltest überhaupt keinen Kaffee trinken. Und vor allem musst du essen.“

Wieder nickte Evelyn nur und nahm schnell einen großen Schluck aus ihrer Tasse, bevor Aenne auf die Idee käme, sie ihr wegzunehmen. Obwohl ohnehin nur eine kleine Menge Kaffee in der großen Tasse warmer Hafermilch war. Mehr hatte ihre Schwägerin ihr nicht erlaubt.

Zum Wohle des Babys. Denn um das Wohl der trauernden Evelyn kümmerte sich Aenne wenig.

Wenn Tom nur hier wäre …

Aenne strich weiter Schokolade auf ihrem Brötchen hin und her, dann nahm sie wieder die Hände – und das Schokomesser – zur Hilfe, um ihre Worte zu untermalen.

„Ich mache mir Sorgen um dich, Evi“, betonte Aenne. „Du bist blass und du nimmst nicht genug Gewicht zu.“

Vielleicht solltest du dann aufhören, mich zu quälen. Evelyn sprach ihren Gedanken nicht aus. Sie durfte sich nicht verraten. Nur so konnte sie ihr Kind retten.

Stattdessen griff sie nach einem Apfel und schälte ihn langsam.

„Du kannst die Schale mitessen, der ist bio.“ Aenne zeigte mit dem Messer auf den Apfel und verschmierte etwas Schokolade auf dem Ärmel von Evelyns Bademantel. Aennes Bademantel, den Evelyn trug, um genau zu sein. Sie selbst besaß nichts mehr.

Aenne schien es nicht zu bemerken. „Aber sage mal, noch etwas anderes. Ich habe gemerkt, du trainierst. Das ist natürlich gut für deine Psyche. Aber übertreibe es nicht, du bist -„

„Schwanger, ich weiß.“ Evelyn seufzte. Natürlich wollte Aenne nicht, dass sie etwas für ihre Psyche tat. Sie wollte sie ja schließlich in den Wahnsinn treiben.

„Nerve ich dich? Das tut mir leid.“ Aenne legte das Messer auf das offene Aufstrichglas und führte das Brötchen zum Mund. Bevor sie jedoch abbiss, legte sie es wieder ab. „Ich meine es doch nur gut“, ereiferte sie sich. „Mit dir und mit dem Baby. Versteh doch, das ist das Kind meines Zwillings. Es ist das einzige, was mir von meinem Bruder bleibt.“ Unwirsch wischte Aenne ein bisschen Schokolade von ihren Fingern in ihre Stoffservierte. „Ich gebe hier echt mein Bestes, neben der Arbeit, ich lasse dich hier wohnen und alles. Aber du willst dir wohl nicht helfen lassen.“ Aenne stand abrupt auf. Ihr Stuhl kippte nach hinten um, aber das interessierte sie nicht. „Wenn du nicht frühstücken willst, wozu mache ich mir dann die Mühe? Dann kann ich ja abräumen, bevor ich zur Arbeit fahre. Nein, mach dir bloß keine Umstände, du musst nichts machen.“ Aenne nahm ihren Teller mit dem unberührten Schokobrötchen und stürmte durch das Wohnzimmer in die Küche. Trotz der Entfernung konnte Evelyn sie noch auf der Terrasse wütend mit Geschirr hantieren hören.

Nur nicht darauf reagieren. Gleich würde der Sturm vorüber sein. Das wusste Evelyn mittlerweile. Gleich würde Aenne wieder herauskommen, ihr einen schönen Tag wünschen, als wäre nichts geschehen.

Langsam biss Evelyn in den Apfel. Aenne wollte das Kind. Solange sie schwanger war, konnte Aenne ihr nichts tun.

Sie hatte noch vier Monate, um zu entkommen.

Aufgabe: Reizwortgeschichte. Ziehe aus zwei vorbereiteten Gläsern jeweil ein Substantiv und ein Verb. Aus der Kombination dieser Wörter ergibt sich der Titel deiner Geschichte. In diesem Fall „Schokolade“ und „gestikulieren“.

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