Gegen das Sommerloch · Schreibübungen · Workshops Kreatives Schreiben

Sommerferien

unaufgeräumter Schreibtisch mit Tastatur, Teetopf, Tasse, Stiften

Die Sommerferien in Allegórien begannen zwar nicht mit der ersten Schwalbe, aber es war nahe dran.

Der Klippensteiger, eine besonders kleingeratene Unterart der Flugdrachen, verbrachte nur wenige Monachen im Jahr in Allegórien, wo er sich die restliche Zeit aufhielt, blieb selbst den weisesten Forschern ein Rätsel. Sie tauchten einfach eines Tages auf – zunächst am großen Meer im Süden und später im ganzen Land.

Und sie brachten tatsächlich den Sommer mit.

Es gab auch in anderen Zeiten schönes Wetter in Allegórien. Doch wenn der Klippensteiger kam, wischte er mit seinen schiefergrauen Schwingen den Himmel sauber und für exakt siebeneinhalb Monachen schien ununterbrochen die Sonne.

Ununterbrochen – auch nachts.

Natürlich setzte dies das Land jedes Mal wieder unter Druck. Die Kinder wollten nicht schlafen, die Alten konnten nicht und bekamen Migräne. Die Bauern waren fast rund um die Uhr mit Wässern beschäftigt. Kein Wunder, dass in dieser Zeit keine Schule stattfinden konnte.

In manchen Gegenden herrschte richtiggehend Chaos. Trinkende Halbstarke zogen durch die Straßen oder schliefen dort ihren Rausch aus, wo sie gerade zufällig umgefallen waren. Mit der plötzlich freien Zeit völlig überforderte Lehrer stürmten die Museen, um sich wenigstens weiterzubilden. Ämter blieben geschlossen, weil die Beamten ihre Kinder nicht allein lassen konnten.

Jeder schlief, wann er gerade konnte oder wollte, und die Sonne ging nie unter. Nach kürzester Zeit verlor jeder das Zeitgefühl, Verabredungen wurden nicht eingehalten, nach und nach wurden alle immer gestresster und gereizter.

Und so unvorhersehbar, wie sie gekommen waren, verschwanden die Klippensteiger wieder, die Sonne ging unter und Normalität kehrte ein. Es dauerte zwar immer noch eine Monache, bis alle Schnapsleichen eingesammelt, alle verlorenen Kinder wieder gefunden und alle Ämter wieder besetzt wurden, aber das Räderwerk Allegóriens lief wieder an.

Meine ersten Sommerferien in Allegórien trafen mich völlig unvorbereitet. Ich war erst wenige Monachen dort, ich wusste nichts vom flexiblen Kalender und selbst den sich immer wieder neu windenden Weg hatte ich noch nicht begangen. Ich hielt Allegórien noch für ein Land wie alle anderen. Niemand hatte mich vorgewarnt.

Ich saß wie jeden Tag auf dem Blaumenfeld und las den Blaueiselfen vor, damit sie sich nicht selbst mit einem geschrumpften Buch auf den Blumen niederließen und schmolzen. An diesem Tag las ich den Bücherdrachen von Hildegunst von Mythenmetz und die Aufregung, die die Blaueiselfen befiel, führte ich auf die Spannung des Buches zurück.

Doch sie hatten die Veränderung schon gespürt, lange bevor ich sie entdeckte – die Sonne war größer geworden, als wäre sie näher herangerückt, und irgendwie auch – violetter. Wenn das irgendeinen Sinn ergab. Es war heiß und schwül.

Ich sah auf, dachte, es würde bestimmt bald ein Gewitter geben oder einen Wirbelsturm, und las weiter. Die Elfen schnatterten laut und flogen schneller als sonst, bald hatte ich das Gefühl, selbst die Blumen würden sprechen und als könnte ich ihnen beim Wachsen zusehen. Tatsache – einige der Blumen ragten mir schon über den Kopf.

Fasziniert legte ich das Buch beiseite, die aufgeregten Elfen hörten mir ohnehin nicht zu. Was geschah hier?

Da trat meine Freundin, das Halbkind, aus dem Gebüsch. „Schnell weiterlesen, schnell weiterlesen“, keuchte sie. „Die Sommerferien haben angefangen, die Hitze wird schnell ansteigen und die Elfen müssen schneller fliegen, um nicht zu schmelzen. Aber keine Sorge, du musst nicht die ganze Zeit lesen, ich organisiere dir eine Ablösung.“ Und damit war das Halbkind wieder fort.

Ich verstand nichts. Ich sollte doch bis zum Abend lesen und die Elfen dann zu ihren Quartieren am Fluss bringen? Natürlich, das Wetter war komisch, aber was sollte das ändern?

Aber ich las weiter. Ich las zehn Seiten, dreißig Seiten, hundert. Die Sonne hatte sich kein Stück von ihrem Platz gerührt. Meine Zunge lag schwer und geschwollen in meinem trockenen Mund, meine Lippen waren pelzig und mein Kopf ganz heiß. Und das Buch war gleich zu Ende. Was sollte ich dann tun? Mir einfach etwas ausdenken, wie Halbkind das so gern tat? Das konnte ich nicht.

Als ich auf der letzten Seite angekommen war, tauchte Arýa auf, im Gepäck eine Gesamtausgabe von Tolkiens Herr der Ringe, die so schwer war, dass sie immer auf einem Handwagen über das Feld gezogen wurde. In Allegórien war das Druckerpapier sehr viel dicker als dort, wo ich herkam.

„Ich komme, um dich abzulösen, geh nach Hause, schlaf, wenn du kannst, trink viel. Halbkind sagt dir Bescheid, wenn du wieder dran bist.“

Ich wollte so viel fragen, aber mein Mund war viel zu trocken, also stolperte ich nur die drei Schritte zur Straße und wischte mir den Schweiß von der Stirn.

Hier am Fluss war es kühler, aber die Sonne stand immer noch genauso groß und nah am Himmel, dass ich meinte, sie berühren zu können …

Aufgabe: Schreibe einen Text zum Thema „Sommerferien“.

Und manchmal wird ein Text in der Stunde bei weitem nicht fertig. Aber jedes geschriebene Wort ist wertvoll …

Ein Kommentar zu „Sommerferien

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