Schreibübungen · Schreibmenschen · Workshops Kreatives Schreiben

Ohne Abschied

unaufgeräumter Schreibtisch mit Tastatur, Teetopf, Tasse, Stiften

An dem Tag, als sie über die Wellen auf den Sonnenuntergang zuging, hatte ihr niemand besonders weh getan.

Sie hatte nur Bilder gesehen von dem brennenden Amazonas und ihr Löschflugzeug war einem der Fahrraddiebe zum Opfer gefallen, die es in ihrer Stadt so häufig gab. Ihr Kaffee war leer und sie dachte an die Milchkühe mit den schmerzend prallen Eutern, die sie nun schon so lange nicht mehr zur Melkmaschine geführt hatte.

Sie fühlte sich klein.

Und der Ozean mit der untergehenden Sonne darüber war so groß und so wahr und das Wasser glitzerte so schön.

In ihrem ganzen Leben hatte ihr niemand so weh getan wie dem Syrer, dessen Geschichte sie kannte, oder mindestens der Hälfte aller Tiere in den Zoos.

Aber in den Pfützen in ihrer Dusche hatte sich eine Biene ertränkt, ihre Erdbeerpflanzen waren ihr vertrocknet und in ihrem Kühlschrank schimmelte etwas, von dem sie nicht einmal mehr wusste, was es war. Der Staub deckte alle Narben und alle Träume zu und alles war so still, so still.

Ein Mauersegler schrie, obwohl es hier am Strand gar keine Mauer gab, und der Sand unter ihren nackten Füßen war kalt.

Sie war einfach fortgelaufen von den Aufgaben auf ihrem Schreibtisch und den erwartungsvollen Blicken ihrer Schüler*innen und Verwandten, fortgelaufen von den Erwartungen, unter denen sie zu zerbrechen schien.

Und die sie mit sich schleppte wie einen üblen Geruch, weil sie in ihr lagen.

Sie musste einfach weiter laufen, auch als sie am Meer ankam, und fragte sich, wie wohl die Robben so lebten und die Fische und ob ihr das gefallen könnte.

Sie hatte einmal eine Frau geliebt, die jetzt am Meer lebte, und die sie gerne wieder sehen würde, auch wenn sie sie nur noch manchmal schmerzvoll vermisste und diesen Schmerz auch schon so gewöhnt war, dass er jegliche Bedeutung verloren hatte.

Die Sonnenstrahlen lockten und die Luft roch nach Salz und nach Algen. Sie liebte diese Musik. Viel zu lange war sie nicht am Meer gewesen.

Am Morgen war sie so voller Wut aufgestanden, dass sie sich selbst nicht ertrug, und einfach losgelaufen, um niemanden zu schlagen, der es wagte, Fleisch zu essen oder Auto zu fahren. Sie war ihrem Hass davon gelaufen, wie den Häuserfronten und der staubigen Luft. Sie hatte die Sohlen ihrer Schuhe verloren und trug nur noch Pflanzen am Körper, bis auf den Ehering, von dem sie sich niemals trennte.

Sie wäre gerne eine Pflanze geworden, aber das war ihr nie gelungen.

Es hatte keinen besonderen Grund gegeben, es war aus einer Laune heraus geschehen, dass sie ihre Zehen erst in den Sand und dann in das Wasser grub. Sie hatte sich auch von niemandem verabschiedet, sie wollte ja gar nicht lange bleiben.

An dem Tag, als sie über die Sonnenstrahlen auf den Weltuntergang z ging, dachte sie einfach nur, dass es auf der anderen Seite schöner sein könnte.

Aufgabe: Schreiben zu einem Bild – wie das Bild ausgesehen hat, könnt ihr euch bestimmt denken 😉

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