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Dragongirl oder am Boden zerstört?

aufgeklapptes Buch

Sie wusste nicht, wer sie war, so viel war schon mal klar. Manchmal war sie Drache, manchmal Mädchen, meistens am Boden. Am Boden zerstört, was für eine blöde Ausdrucksweise, sie lag vielleicht gerne nackt und zusammengerollt auf den Dielen, sie war vielleicht ein bisschen zu dünn, aber war sie daher zerstört?

Ihre langen, samtigen Haare ringelten sich um Wirbelkörper und Rippen. Sie war ein bisschen verhungert, ein bisschen erschlagen, ein bisschen zu oft geschlagen, ohne sich jemals zur Wehr zu setzen. Aber zerstört?

Nein.

Sie war noch ganz und sie war ganz so, wie sie sein wollte, wenn auch sicher Folge ihrer Erfahrungen. Aber wer ist denn kein Kind seiner Zeit, Kind seiner Eltern oder – wie sie – ihrer Großeltern. Sie machte niemandem einen Vorwurf. Sie lag hier nur und sah dem Staub beim Fallen zu. Allein ihr Drachenschwanz zuckte hin und wieder nervös, bevor er sich wieder schützend um ihren Körper legte.

Sie war ein Mädchen, das leise ging, seit ihr die Flügel genommen worden waren. Es war mehr die Folge ihres geringen Gewichts und der nackten Füße als eine bewusste Entscheidung, es hatte nichts Hinterhältiges.

Dennoch hielten manche sie für ein Krokodil, das im trüben Wasser lauerte, um plötzlich hervorschnellend ein ahnungsloses Opfer mit in die Tiefe zu reißen.

Sie wollte niemanden mit in ihre Schwärze ziehen, die gar keine Tiefe war, auch wenn sie so wirkte. Die Schwärze, die sie umgab, war mehr eine flauschige Decke, ein warmer Wind als die braune Brühe der Everglades.

Sie war kein Krokodil. Sie war nicht einmal ein reales Wesen. Und doch war sie.

Ein bisschen blass, ein bisschen hager, hundertfach geschlagen, ohne zu zerbrechen. Sie trug die jahrhundertealte Seele eines Drachen in sich, die sie weiter trug, von einer Welt in die nächste.

Es war reiner Zufall, dass sie jetzt zu deinen Füßen lag. Es war auch egal, ob du sie schön fandst oder für verrückt hieltest. Sie war gerade hier, mal nicht in ihrer Wohnung, nackt und voller Drachenfeuer, das war alles, was sie wusste.

Ihre Arme und Beine waren statt von Schuppen von Brandwunden bedeckt und du fragtest dich vielleicht, ob sie Hilfe bräuchte. Aber sie war ein Drache, was konntest du erwarten, sie spielte gern mit Feuer, das hielt sie warm.

Sie schnitt sich auch gern an den Scherben anderer Leben, ihr eigenes Leben gab ihr schließlich keine. Sie war schließlich nicht zerstört, nur am Boden.

Ein bisschen verhungert, aber nicht hungrig. Sie wollte das Brot nicht, das du ihr hinlegtest. Eine Umarmung wäre auch sättigender gewesen, aber das konntest du nicht wissen. Ohnehin wurde sie niemals wirklich satt, von Pizza nicht und nicht von Küssen, von Geschichten manchmal, aber nur kurz. Daran war vielleicht wirklich ihr Großvater Schuld, aber was machte das schon, sie war genauso, wie sie sein wollte.

Sie würde vielleicht gerne mit dir zum Grab ihres Großvaters gehen und dir von den Dingen erzählen, an die sie sich nicht erinnerte, aber das war egal.

Sie würde dich gerne berühren, wirklich dich berühren und nicht nur angesehen werden, wie man fallengelassenen Unrat halt ansah, wenn man darüber stolperte auf der Straße. Magdeburg war keine große Stadt, doch voller Müll wie jede andere Stadt auch.

Sie lag hier nur in der nicht vorhandenen Fußgängerzone zwischen Zigarettenkippen und einbeinigen Tauben, weil ihr Drachenschwanz gerade schmerzhaft die Wirbelsäule auseinanderzog, sie hatte Rückenschmerzen, vielleicht hatte sie zu wenig Yoga gemacht, vielleicht hatte sie auch zu wenig getrunken, ihre Bandscheiben fühlten sich ganz ausgetrocknet an. Sie würde sich einfach eine Flasche Wein besorgen und dann weiter die Welt retten – oder sie ignorieren, je nachdem. Du spieltest in ihrem Leben keine Rolle und das musstest du auch nicht, du fragtest dich vielleicht, ob du einen Krankenwagen rufen solltest oder ein Einhornkommando, aber sie brauchte deine Hilfe nicht, sie war nicht zerstört.

Sie litt. Aber wer tat das nicht, mit nackten Füßen auf Kopfsteinpflaster voller Märzeis und unter einem Himmel, der den Frühling wegen Zahlungsschwierigkeiten wieder zurückgeben musste. Wer konnte jemals einem anderen helfen?

Du konntest ruhig weiter gehen. Sie blieb nur noch kurz hier. Am Boden. Zerstört.

Aufgabe: Einen Text zu einer Postkarte/ einem Bild schreiben.

erstmalig veröffentlicht am 20.03.2018

2 Kommentare zu „Dragongirl oder am Boden zerstört?

  1. schlechten text schreiben? wozu sollte man das machen und für wen? wer will das lesen.
    ich könnte verstehen, wenn ihr euch gegenseitig eure texte verbessern solltet.

    Liken

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