Autorenleben · Everyday Writing Challenge

#afternano

Reisegepäck auf einer Bahnhofsbank

Der November ist vorbei und ich habe nur einmal ganz zu Beginn etwas gepostet. Aber ich habe geschrieben! Und wie ich geschrieben habe!

Wenn ihr mir bei Instagram folgt, konntet ihr täglich meine Entwicklung sehen. Zunächst ging es mit großen Schritten voran, ich hatte viele Ideen, so viele unbeschriebene Seiten, und ich habe ein gutes Polster für den Monat herausarbeiten können. Die letzten 10.000 Worte waren dann die eigentliche Arbeit. Ich hatte meine Figuren vorgestellt, die Plotpoints gesetzt, das Ende geschrieben. Die Haupthandlung war konsistent. Aber Alltag gab es keinen.

Braucht man Alltag im Roman? Schließlich will doch niemand etwas darüber lesen, was die Protagonisten im Badezimmer machen oder wie sie Geschirr spülen. Aber einen Kriminalroman, der vollständig in Untersuchungshaft spielt, nur aus Verhören und Gedankenströmen zusammenzubauen, ist dann vielleicht doch etwas öde.

Also habe ich mir alte Folgen der Gefängnisserie „Hinter Gittern – der Frauenknast“ angesehen. Ich bin kein Fan der Serie geworden und habe auch keine Szenen übernommen, aber trotzdem ein Gefühl für den Gefängnisalltag entwickelt. Jetzt hoffe ich nur, dass der auch halbwegs realistisch gezeigt ist.

Aber generell habe ich keinerlei Ahnung, wie realistisch das ist, was ich geschrieben habe. Ich glaube, ich bin ganz gut darin, Figuren zu entwickeln, solche jedenfalls. Psychisch angeknackste, übermäßig reflektierende Figuren. Aber eine Mordermittlung? Das Innere eines Untersuchungsgefängnisses? Die Arbeit einer Staatsanwältin?

Da kommt im Nachhinein noch eine Menge Arbeit auf mich zu. Ich würde gerne einen Verhörraum von innen sehen, mit einem Angeklagten sprechen, einer Verhandlung beiwohnen. Mit meiner Lieblingsgoldschmiedin muss ich mich unbedingt eine Weile unterhalten – das macht meine Protagonistin nämlich beruflich. Und da sie Tagebuch führt, prägt ihre Stimme das ganze Buch. Wie reden Goldschmiede? Was für Metaphern nutzen sie? Wie betrachten sie sich selbst und die Welt?

Nicht alles kann man durch Recherche erfahren. Natürlich wäre auch meine Recherche individuell, meine Figur ist individuell, Aussagen über alle Goldschmiede kann man nicht treffen. Aber deshalb gar nicht recherchieren und alles erfinden? Ich weiß nicht.

Ich erfinde gerne. Aber um z.B. ein Goldschmiedewerkzeug zu finden, dass als Mordwaffe dienen kann, war die Goldschmiedin im NaNo-Forum mir eine große Hilfe. Die groben Punkte im Ablauf einer Mordermittlung bzw. -anklage hat mir ein Jurist im Forum erklärt. Die psychologische Verfassung meiner Protagonistin habe ich mit einer Psychologin im Forum diskutiert.

Ja, dieses Forum. Informationsgeber, Motivator und einfach nur entspannter Austausch über das Schreiben und das Leben. Unglaublich wertschätzender und liebevoller Umgang miteinander. Ohne die Leute im Forum hätte ich den NaNo nicht geschafft.

Jetzt habe ich 50.000 Worte in den letzten 30 Tagen geschrieben. Was nun? Den Dezember über werde ich mich mit anderen Projekten beschäftigen, um ein wenig Abstand zum Text zu gewinnen. Vielleicht werde ich endlich mal dazu kommen, meine Blogreihe zum Schreiben als Selbstfürsorge abzuschließen, oder hatte ich das schon? Ich habe auch eine ganze Kiste voller anderer Textideen. (Bei Instagram findet ihr aber täglich ein paar Sätze aus meinem NaNo-Projekt, falls ihr neugierig seid. Richtig loslassen kann ich es dann doch nicht.)

Im neuen Jahr werde ich mich dann an die Überarbeitung machen, klar strukturiert in mehreren Schritten den Fluss der Geschichte, die Spannung, die Tiefe der Figuren und schließlich den Stil glätten, verfeinern, anpassen. Ein paar Beta-LeserInnen suchen, die mir qualifizierte Rückmeldungen geben können. Irgendwann eine Lesung machen und meine ZuhörerInnen befragen. Und dann – das Schlimmste von allem – ein Exposé schreiben und dieses an Agenturen und Verlage schicken. Und warten. Warten. Warten.

Im nächsten Herbst ein neues Projekt beginnen, Planung im Oktober, erste Fassung im November, Ruhen im Dezember, Überarbeiten im neuen Jahr. Und so weiter, und so fort. Das Leben eines Schriftstellers leben.

Gerade sitze ich im Zug auf dem Weg zur Weihnachtsfeier des Schreibhains, andere Autoren und weitere Buchmenschen treffen. Ich bin so motiviert wie nie. Ich habe etwas geschaffen. Ob es gut ist, kann ich nicht beurteilen. Aber es kann gut werden. Und ich bin bereit, die nächsten Schritte zu gehen, auch wenn es harte Arbeit ist. Aber es gibt nichts, was ich mehr liebe. Nichts, dem ich lieber meine Zeit und Energie widme.

Und der Muskelkater in den Fingern wird auch wieder verschwinden, irgendwann.

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