Tagespolitisches

Die JKR-Debatte

Ihr habt sie bestimmt alle mitbekommen. Ist JK Rowling jetzt transphob oder ist sie es nicht? Und darf man dann Harry Potter eigentlich noch gut finden?

Aber ein paar Sätze vorweg. Ich möchte mich NICHT darüber äußern, ob JK Rowling transphob ist. Diese Frage kann ich nicht beantworten. Selbst wenn ich alles recherchiere, was sie in den letzten Jahren zu diesem Thema gepostet hat, selbst wenn ich persönlich mit ihr reden würde, ich könnte es nicht beantworten. Man kann in Menschen nicht hineinsehen und es regt mich etwas auf, wie viele Menschen das gerade versuchen.

Mein Körper zeigt alle weiblichen Geschlechtsmerkmale. Ich werde von weiblichen Körpern sexuell angezogen. (Auch von Transfrauen? Keine Ahnung, ich war nie in der Situation.) Ich identifiziere mich als non-binary. Ich werde (in der Regel) von meinem Umfeld als weiblich gelesen und dann (gegebenenfalls) auch als Frau diskriminiert. Ich ärgere mich nicht darüber, als Frau bezeichnet zu werden. Es gibt in unserer Sprache (oder irgendeiner) noch keinen etablierten Begriff für non-binary. Ich selbst kenne ihn erst seit wenigen Jahren.

Ich menstruiere. Fühle ich mich wohl damit, als „Mensch, der menstruiert“ bezeichnet zu werden?

Zur Hölle NEIN.

„Menschen, die menstruieren“

Damit kommen wir zu dem Tweet, der – meiner Wahrnehmung nach, die natürlich eingeschränkt sein kann – den ganzen Streit ausgelöst hat. JK hat sich über einen Artikel lustig gemacht, der über die Rolle von „Menschen, die menstruieren“ sprach. Sie meinte, gibt es dafür nicht einen Begriff, wie hieß der doch – Frauen natürlich.

War das trans-exklusive? Vielleicht. Aber ist „Menschen, die menstruieren“ nicht noch viel exklusiver? Es schließt nicht nur Transfrauen aus, sondern auch Mädchen vor der Pubertät, Frauen nach der Menopause, Frauen nach einer Total-OP, Frauen, die zu dünn sind, um zu menstruieren …

Man kann den Begriff „Frau“ trans-exklusive lesen, auch wenn man es nicht sollte. Aber „Menschen, die menstruieren“ inklusive zu lesen, finde ich sehr schwer.

Wann ist die Frau eine Frau?

Und geht es nicht gerade darum, zu lernen, dass sich „Frau“ nicht nur auf „Menschen, nie menstruieren“ bezieht? Müssten wir uns nicht über diesen Artikel noch viel mehr aufregen?

Natürlich kann man JKs Tweet so verstehen, dass sie eine Gleichsetzung von „Frau“ und „Menschen, die menstruieren“ meint. Doch sicher würde ihr niemand unterstellen, dass sie post-menopausale XX-Menschen nicht mehr als Frau bezeichnet. Warum also Transmenschen?

Vielleicht hat sie es in früheren Beiträgen nahegelegt. Wie gesagt, dazu will ich mich nicht äußern, ich habe weder die Zeit noch die Lust, das alles zu recherchieren. Aber in diesem einen Tweet hat sie es nicht behauptet.

Frauen sind halt nicht nur Menschen, die menstruieren. Frauen sind so viel mehr. Und so viel weniger. Was Frauen sind, was Menschen sind, müssen wir immer wieder neu bestimmen. Ich nenne mich selbst nicht Frau, auch wenn ich menstruiere. Aber ich diskutiere auch nicht mit jeder darüber, die mich Frau nennt.

Feminismus – so wie ich ihn verstehe – sollte ohnehin nicht nur die Rechte der Frauen, egal, ob trans oder sis, vertreten. Sondern die Rechte aller. Gerade weil wir uns davon verabschieden, dass es eine einfach zu treffende Unterscheidung von Frauen und Männern gibt. Das Wort „Frau“ einfach durch „Menschen, die menstruieren“ zu ersetzen, bringt uns in dieser Debatte nicht weiter.

Wo man Bücher verbrennt …

Viele Menschen, die ich für ihre Meinung (eigentlich) sehr schätze, verbreiten jetzt, man müsse, wenn man Harry Potter gelesen hat, jetzt für Transpersonen unterstützende Vereinigungen spenden. Manche sprechen sogar davon, ihre Bücher zu verbrennen.

Warum? Nur angenommen, JK ist wirklich transphob. Inwiefern ändert eine Bücherverbrennung daran irgendetwas? Ich kann verstehen, wenn man sagt, ich kaufe jetzt keine Bücher mehr von ihr. Ich habe z.B. keinen ihrer Krimis (neu) gekauft (einen gebraucht), weil ich es total unfeministisch finde, dass sie – obwohl sie so bekannt ist – für ihre Krimis ein offenes, MÄNNLICHES Pseudonym gewählt hat. Was soll das? Ich weiß, dass Verlage denken, damit ließe sich das Buch besser verkaufen. Aber es weiß doch im Grunde jeder, wer dahintersteckt. Mit ihrem eigenen Namen kann sie hervorragend verkaufen, warum überhaupt ein Pseudonym? Und warum ein männliches? Diese „Krimis müssen von Männern geschrieben sein“-Vorurteile können wir nicht lösen, indem wir uns ihnen beugen.

Aber Bücher verbrennen? Ihr kennt doch sicher den Spruch „Wo Bücher verbrannt werden, verbrennt man auch Menschen“. Ich kann es verstehen, dass man bei der Menge an Büchern, die verfügbar sind, lieber eine Autorin unterstützt, deren politische Werte man teilt. Aber dennoch muss doch zwischen der Autorin und der Geschichte unterschieden werden.

Ist Harry Potter zu wenig divers? Sie hat nie in ihren Büchern behauptet, dass alle Figuren sis/weiß/hetero wären. Wenn wir sie ohne besonderen Hinweis auf eine Transidentität so lesen, dann sind es doch die Vorurteile in unseren Köpfen, die das tun. Es ist doch nicht Aufgabe der Autorin, alle Merkmale ihrer Figuren offen zu legen, weil in zwanzig Jahren vielleicht darüber diskutiert wird.

Lasst uns doch lieber bei uns selber gucken, wo wir uns homo- oder transphob oder rassistisch verhalten, anstatt anderen Menschen Meinungen zu unterstellen, die sie vielleicht oder vielleicht auch nicht vertreten.

Und jetzt gebt mir den Shitstorm, ich bin bereit.

Ein Kommentar zu „Die JKR-Debatte

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