Zwanzigzwanzig

Der Versuch, dich abzulenken

Dies ist nicht das erste Kapitel meines Projekts "zwanzigzwanzig"! Dabei handelt es sich um ein Spielbuch, für das ihr die Beta-Tester seid. Wenn du noch gar nicht weißt, worum es geht, schau hier. Wenn du den Anfang suchst, schau hier. 

Tag 19 der Pandemie
Tag 10.618 der Krise

Mit über 140.000 sind in den USA jetzt mehr Infektionen bekannt, als in jedem anderen Land der Welt offiziell erfasst wurden.

Du hast „Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben gelesen, aber es hat dich nicht abgelenkt. Im Gegenteil. Du wusstest immer, dass Bäume wichtig sind. Du hast auf Bäumen gewohnt, wenn die Stadt sie fällen wollte, du wolltest auch gerne im Hambacher Forst kampieren, aber damals war die Krankheit schon zu weit fortgeschritten.
Aber dass Bäume so viel Verstand besitzen, dass sie kommunizieren und so sehr auf die richtige Umgebung und langsames Wachsen, ein liebevolles Aufwachsen angewiesen sind, wusstest du nicht.

Wann hast du zum letzten Mal einen wirklich gesunden Baum gesehen? Hier in der Stadt vermutlich nicht. Sie haben einfach nicht genug Platz für ihre Wurzeln zwischen den Straßen und Fußwegen, ihre Wurzeln bekommen keinen Regen ab, wenn links und rechts alles verschlossen ist. Und sie kommen ohnehin alle aus Baumschulen.
Den Waisenhäusern der Pflanzenwelt, wo ihre Wurzeln beschnitten werden, wenn man sie dann endlich in ein neues Zuhause verpflanzt. Du willst in den Wald.

Deine Beine sind nach den Tagen lesend auf der Couch noch steifer. Auf den Stock gestützt schleppst du dich ans Fenster. Ein paar dürre, noch kaum belaubte Bäume stehen vor der verwaisten Universität. Kein Vogel singt darin. Auch die Vögel wissen vermutlich, dass die Bäume unglücklich sind.

Aber was könnt ihr tun? Menschen müssen in Städten leben, es gibt einfach viel zu viele. Gar keine Bäume in den Städten zu haben, wäre echt trostlos. Aber Bäume gehören in einen Wald.

Jedes zweite Haus abreißen und die Fläche dann sich selbst überlassen, dass kleine Stadtwälder entstehen? Die Natur hat sich auch die verstrahlte Fläche in Tschernobyl erstaunlich schnell zurückerobert, sie sollte das auf den Flächen ehemaliger Stadthäuser auch können.

Aber du bist zu alt dafür. Du wirst das nicht mehr erleben. Tschernobyl ist jetzt fast 35 Jahre sich selbst überlassen gewesen, aber auf Brachflächen in der Stadt würden die Menschen das doch niemals zulassen. Auch die wilden Tiere würden in der Stadt niemals willkommen sein und sie sind für den Wald dennoch wichtig.

Vielleicht verringert der Virus die Weltbevölkerung auf ein Maß, das mit Wäldern koexistieren kann.

Böser Gedanke. Du versuchst, ihn zur Seite zu schieben, wohlwollender zu sein. Du öffnest das Fenster, atmest tief ein, doch der Frühling in der Stadt riecht nach nichts außer trockener Luft und Staub.

Du möchtest einen Garten mit glücklichen Bäumen haben. Aber einen Baum aus der Baumschule zu holen wäre nicht hilfreich. Selber einen Baum aus einer Nuss oder einem Kern keimen zu lassen – du bist zu alt. Du wirst das Ergebnis deiner Bemühungen nicht mehr sehen. Du hast keine Kinder. Für wen machst du das also. Für diese undankbaren Menschen, die die Bäume gar nicht zu schätzen wissen und sie weiter und weiter vergiften?

Du weißt es nicht. Einerseits kannst du schlecht nichts tun. Andererseits ist es so unglaublich frustrierend.

Eine Blaumeise landet auf dem Fensterbrett und blickt dich an. Sie merkt nicht, dass das Fenster offen ist. Erst, als du dich bewegst, fliegt sie weg.

Meise müsste man sein. Man hätte keine Ahnung von Pandemien und Treibhauseffekt. Man würde einfach nur Futter suchen, Eier legen, den Wind genießen und irgendwann sterben, ohne sich jemals Gedanken über den Tod gemacht zu haben.

Du hast dir so viele Gedanken über den Tod gemacht. Seit du vor über 30 Jahren die Diagnose erhalten hast, wartest du darauf, und versuchst, aus deinem Leben das Beste zu machen.

Du möchtest in den Wald.

Das Telefon klingelt und widerwillig wendest du dich vom Fenster ab, aber du bist dennoch zu langsam am Apparat, der Anrufbeantworter springt schon an. Deine Neurologin. Sie fragt, ob du akute Beschwerden hast, oder ob ihr den geplanten Quartalstermin besser verschieben sollt, bis alles wieder ein wenig ruhiger und planbarer ist? Natürlich kannst du jederzeit vorbeikommen, aber aktuell solltest du ja besser nicht raus gehen. Ob du noch genug Medikamente hättest?

Du hast keine Lust, mit ihr zu sprechen, und nimmst den Anruf nicht mehr entgegen. Du kannst sie jederzeit zurückrufen.

Wohllebens Buch liegt immer noch neben deiner Teetasse auf dem Couchtisch, dem einzigen Möbelstück in deiner Wohnung aus Massivholz, das nach deinem Tod noch neue Besitzer finden könnte. Die Billigmöbel aus Pressholz wirst du nicht mehr austauschen, du kommst mit ihnen klar. Aber nach dir werden sie mit Tonnen anderen Mülls verbrannt werden. Auch das ist nicht wirklich sinnvoll.

Es ist so still. Als hätte die Welt die Luft angehalten.

Was machst du nun? Du willst nicht einfach in der Wohnung sitzen und abwarten.
Kannst du ein Projekt zum Aufforsten im Internet finden
oder
sollst du weiter versuchen, dich abzulenken?

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