Zwanzigzwanzig

Die Virusrecherche

Dies ist nicht das erste Kapitel meines Projekts "zwanzigzwanzig"! Dabei handelt es sich um ein Spielbuch, für das ihr die Beta-Tester seid. Wenn du noch gar nicht weißt, worum es geht, schau hier. Wenn du den Anfang suchst, schau hier.

Tag 14 der Pandemie
Tag 10.613 der Krise

Die Olympischen Spiele in Tokio werden um ein Jahr verschoben.

Da hättest du also dein Quarantäneprojekt gehabt. Du wirst auf unbestimmte Zeit mit deinem Computer allein sein, aber im Internet findet man doch alles, was man braucht. Wie man Bomben baut, wo man sie legen sollte, und Mitstreiterinnen, die deinen kaputten Körper ersetzen.

Der Schreibtischstuhl gab unter deinen angespannten Händen nach, rollte weg und du fielst zu Boden. Den Schmerz merktest du kaum, die Nerven stachen ohnehin. Wenn der Schmerz im Gehirn sitzt, nicht dort, wo man ihn fühlt, kann man ohnehin nicht viel unternehmen. Wenn der Fisch nicht nur vom Kopf her stinkt, sondern komplett verrottet ist, blieb nur, ihn wegzuwerfen.

Vielleicht sollte die Menschheit auch einfach aussterben. Wenn nur nicht vor ihr fast alle anderen Arten aussterben würden …

Du rappeltest dich auf und schlepptest dich zur Couch, legtest die Beine hoch und wickeltest sie in eine Decke. Sie waren nicht kalt, aber sie fühlten sich so an. Deine Hände waren staubig. Deine Wohnung war wie gewohnt aufgeräumt, aber gesaugt hatte hier schon eine Weile niemand mehr. Auch deine Haushaltshilfe kommt momentan nicht, er ist seit seinem Skiurlaub in Quarantäne.

Auf der Couch kreisten deine Gedanken weiter um den Klimaschutz. Eigentlich waren die Demos der Kids ja schon bemerkenswert. Auch wenn viele gespottet haben, sie wollten nur Schule schwänzen. Es ist zwar nicht das gleiche wie das, was ihr früher gemacht habt, aber wenn so viele Kinder weltweit auf die Straße gehen, statt desinteressiert in den Schulen zu hocken, dann liegt offensichtlich etwas sehr im Argen. Und die Erwachsenen sollten endlich mitmachen.

Doch schon einen Tag später bist du von alleine wieder ruhiger. Einen Terroranschlag verüben, damit die Umweltbewegung wieder ernst genommen wird, was für ein Schwachsinn. Niemand nimmt Terroristen ernst. Du hast dich an Gleise von Castortransporten gekettet, hast dich mit anderen untergehakt von der Polizei wegtragen lassen, von Polizeipferden treten lassen. Und schon dafür warst du in den Augen des Establishments eine Terroristin. Gewalt schafft nur Gegengewalt, auch wenn sie dir vielleicht guttun würde in deinem Zorn.

Aber Informationen können nie schaden. Also schaltest du den Computer trotzdem wieder an – was solltest du auch sonst machen. Draußen scheint die Sonne, ein wunderbarer Vorfrühlingstag, aber ihr dürft ja nicht raus. Du wüsstest auch gar nicht wohin.

Als Erstes schaltest du Musik an, das hilft immer, um dich nicht sofort aufzuregen. Melissa Etheridge scheint dir heute genau die Richtige zu sein. Die Kaffee-Thermoskanne steht neben dir, eine Packung zuckerfreie Kekse, du bist bereit.

Also, was hat es mit diesem Virus auf sich? Die Informationen des Robert-Koch-Institus zeigen vor allem eine hohe Ansteckungsrate, sehr viel höher als bei der Grippe. Die Sterbezahlen sind allerdings niedriger. Viele Leute haben gar keine Symptome, Kinder scheinen unempfindlich zu sein. Kein Wunder, dass so viele der Meinung sind, man müsse diesen Virus nicht so ernst nehmen.

Die Kekse schmecken staubig. Warum quälst du dich eigentlich mit Zuckerverzicht? Aber der Duft, der aus deiner großen Kaffeetasse aufsteigt, entschädigt dich für alles.

Allgemeinverbindliche Regeln gibt es nicht. Jedes Bundesland kocht sein eigenes Süppchen. In Bayern möchtest du jetzt wirklich nicht leben. Eigentlich möchtest du jetzt gar nicht leben, könnt ihr noch einmal auf 2019 zurückdrehen?

Halt, etwas tun, etwas zu tun finden. In Ordnung. Der Virus ist da, er ist ernst, ihr könnt ihn nicht ignorieren. Ihr könnt nicht mehr demonstrieren. In den letzten beiden Jahren war das fast der einzige Grund für dich, deine Wohnung zu verlassen. Aber was nicht geht, geht nicht.

Der Kaffee ist verflucht heiß.

Was geht aber? Wie findest du etwas?

Der Wecker in deinem Fairphone piept, du musst deine Medikamente nehmen, deine Übungen machen. Du stehst auf, wiegst dich zu Melissas Samtstimme, denkst weiter.

Sich an der Pandemie oder den Maßnahmen dagegen aufzureiben, hat keinen Sinn, die musst du jetzt akzeptieren wie alle anderen auch. Aber irgendetwas muss doch möglich sein im 21ten Jahrhundert. Ihr habt Fußballspielende Roboterhunde und Bestäubungsdrohnen, alles Wissen und aller Schwachsinn sind nur einen Mausklick entfernt. Die Frage ist nur, mit welchem Suchbegriff du starten sollst.

Deine Muskeln protestieren, als du ein paar Kniebeugen versuchst. Immerhin ein bisschen Protest erlaubt der Lock-down noch. Du musst über deinen eigenen Gedanken lachen. Das tut gut.

Sollst du danach schauen, was die Fridays for Future Kids jetzt so machen? Schließlich haben sie schulfrei und jede Menge Zeit, bestimmt auch jede Menge guter Ideen.

Oder

sollst du lieber allgemein nach Umweltschutzaktionen suchen? Nicht jede*r Klimaschützer*in ist unter achtzehn.

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