Tagespolitisches

Stell dir vor, es ist Frauenstreik, und alle gehen hin

Aquarellmalerei eines Sonnenuntergangs mit einem silhouettehaften Monument im Vordergrund und leuchtenden Farben im Himmel.

Die Deutschen haben kein besonders gutes Verhältnis zum Thema Streik, habe ich den Eindruck. Gefühlt streiken nur Mitarbeitende bei Verkehrsbetrieben, egal ob innerstädtisch oder überregional. Und darunter leiden hauptsächlich die vielen Pendelnden, die zu ihren Jobs – mit vielleicht sogar noch schlechteren Bedingungen – fahren. Ob die Betriebe darunter leiden, kann ich nicht beurteilen, schließlich haben gerade die Vielfahrenden Zeittickets, die sie bei einem Streik einfach nicht nutzen können.

Nicht noch ein Bahnstreik

So richtig viel bringt ein Streik vermutlich ohnehin nur in Betrieben, die etwas herstellen oder verkaufen, und in denen eine Arbeitsniederlegung zu sofortigen finanziellen Einbußen führt.

Dann gibt es auch noch die Berufe, für die ein Streik so gut wie unmöglich ist, wie in den sozialen Berufen, weil es unethisch wäre, die Arbeit vollständig niederzulegen – unter einem Pfleger*innenstreik leiden die Patient*innen, nicht die Krankenhäuser.

Und streike ich als Selbstständige, schade ich nur mir selbst.

Einmal Generalstreik bitte

Viele Menschen haben mich beim Klima- und jetzt auch beim Frauenstreik gefragt, wie das eigentlich funktionieren soll, ein Streik ohne Gewerkschaft. Sie können ja nicht einfach nicht zur Arbeit gehen.

Einerseits verstehe ich das, nicht zur Arbeit zu gehen hätte vermutlich Konsequenzen. Aber Klimaschutz und Frauenrechte weiter einzuschränken hätte ebenfalls Konsequenzen. Ich weiß nicht, wie der Streik arbeitsrechtlich betrachtet wird. Aber wenn nur ausreichend viele Menschen einfach nicht zur Arbeit gehen, würden die Repressionen vermutlich nicht so schlimm sein.

Sie können euch nicht alle feuern. Je höher in der Hierarchie ihr steht, desto schwerer seid ihr einfach zu ersetzen. Nutzt diese Macht.

Ohne uns ist es still

Und der Frauenstreik geht noch viel weiter als nur bis zum Arbeitsplatz. Frauen werden nicht nur als Mitarbeiterinnen gebraucht, sondern auch und vor allem als Konsumentinnen, als Ehefrauen, Mütter und Töchter. Sicher will ich nicht dazu raten, eure Kinder allein zu lassen. Aber vielleicht dürfen heute die Väter einmal die Betreuung übernehmen, das Essen kochen, die Wäsche waschen.

Auch wenn ihr euch nicht darauf einlassen wollt, herauszufinden, was passiert, wenn ihr einfach nicht zur Arbeit geht, müsst ihr nicht eure beste Arbeit leisten, vor allem, wenn ihr einer Arbeit nachgeht, von der vor allem der – meist männliche – Chef etwas hat. Ihr müsst nichts kaufen, nicht nach der Arbeit noch einen Kaffee trinken gehen, nicht eurem Ehemann hinterherräumen.

Ich werde morgen vermutlich auch arbeiten – aber an neuen Projekten, die kein Mann von mir erwartet. Dass meine Selbstständigkeit gelingt, ist nichts, was das Patriachat sich wünscht. Selbstständige, selbstbewusste Nicht-Männer sind der erklärte Feind des Patriachats. Aber ich werde auch mit einem Buch in der Sonne sitzen oder in meinem Garten arbeiten, ich werde nichts kaufen, keinen Streamingdienst nutzen, keiner Lohnarbeit nachgehen.

Streiken denn nur Frauen?

Auch gehört habe ich, dass nicht binäre Personen, die weiblich gelesen werden und weiblich sozialisiert sind, sich von einem Frauenstreik gar nicht angesprochen fühlen.

Ich verstehe das. Ich fühle mich als Frau auch nicht angesprochen. Aber ich bin solidarisch mit den Rechten der Frau, denn andere habe ich auch nicht. Ich wurde als Mädchen erzogen, ich habe ein w in meinem Pass stehen (und bei der aktuellen Situation auch Angst, das ändern zu lassen), für die Gesellschaft bin ich eine Frau. Und das allein zählt.

Denn es geht hier nicht um meine eigene Identität. Es geht um das Bild der Frau in der Gesellschaft. Das merklich schwächer wird in den letzten Jahren. Es geht darum, dass jede Diskriminierung von Frauen weiblich gelesene Enbys doppelt diskriminiert – einmal, weil mann uns als Frau liest, und einmal, weil mann uns diskriminiert.

Es geht darum, dass wir niemals still halten dürfen, wenn wir laut schreien möchten.

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