Autorenleben · Schreibmenschen

Ich bin ein Kaleidoskop – und das ist gut so (3)

rote Zeichen auf weißem Grund, eher abstrakt

In der dritten Klasse habe ich gelernt, was ein Autor tut (natürlich ungegendert), und sofort war mir klar – das will ich auch. Von da an habe ich allen, die es hören wollten, und auch ein paar anderen gesagt, ich werde Autor. In der Grundschule haben alle noch genickt und gelächelt, bald danach ging es los mit „Das ist ein schönes Hobby, aber kein Beruf. Lerne lieber etwas Vernünftiges.“ Also habe ich versucht, etwas „Vernünftiges“ zu finden.

Immer wieder Lehre

Da ich nicht gerade aus einer wohlhabenden Familie stamme, habe ich früh angefangen zu arbeiten. Als Teenager hat mensch da natürlich nicht gerade die große Auswahl, aber ich war immer gut in der Schule, also habe ich Nachhilfe gegeben. (Und immer betont „Lehrer*in werde ich nie!“).

Im Studium habe ich ein Tutorium geben müssen, das war Teil meines Curriculums, nebenher habe ich in einer Rehaeinrichtung für psychisch Kranke Kreatives Schreiben unterrichtet. Neben der Arbeitslosigkeit habe ich ehrenamtlich Hausaufgaben betreut, u.a. bei einer afghanischen Familie, ein halbes Jahr habe ich in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Ausländer beim Lernen geholfen. Beim Unterrichten lernt mensch sehr viel, vor allem über die Menschen, die sier unterrichtet. Gerade beim Unterricht in Kleingruppen oder beim Einzelunterricht kommt mensch gut ins Gespräch, mit einem jungen Mann habe ich sogar Alphabetisierung gemacht, obwohl ich dafür wirklich nicht ausgebildet bin. Aber er brauchte das und es hat irgendwie funktioniert.

Und dann bin ich doch Lehrer*in geworden, sogar für sieben Jahre. Und da die Schulen, in denen ich angestellt war, in freier Trägerschaft waren, hatte ich die Möglichkeit, von Klasse 1 bis 12 zu unterrichten, hauptsächlich Ethik, manchmal Vertretungsunterricht in diversen Fächern.

Und alles Mögliche andere

Aber ich habe gefühlt auch alles andere gemacht. Mein Schulpraktikum habe ich im Qualitätskontrolllabor einer kleinen Brauerei gemacht und mehr über Bier gelernt, als jemensch, der kein Bier trinkt, je wissen wollte, nach dem Abitur bin ich erst auf einer autofreien Nordseeinsel Kutschtaxi gefahren und habe dann im Gartencenter eines Baumarktes gejobbt. Alles, was ich über Pflanzen weiß, habe ich dort gelernt.

Ich habe in einer psychiatrisch-neurologischen Praxis EEGs abgelesen, in einem Kleinstverlag Autoren betreut und als wissenschaftliche Hilfskraft einen Text aus dem englischen übersetzt. Meine längste Arbeit außerhalb der Lehre habe ich allerdings in der Gastronomie geleistet – als Kellner*in, Barperson, in der Küche und beim Kekse backen.

Jeder Job ist eine Geschichte

Dass ich schon von klein auf Schriftsteller*in war, habe ich in keinem dieser Jobs ablegen können. In jeder Tätigkeit habe ich eine Geschichte gesehen, die ich bis zum Ende lesen wollte, habe mich auch in befristete Aushilfstätigkeiten vertieft, die Unterschiede verschiedener Weihnachtsbäume (ehrlich, Weihnachtsbaumverkauf mache ich nie wieder!) und Cocktailrezepte recherchiert, und bei jeder Kündigung und jedem Vertragsende ein bisschen Herzblut verloren.

Und ich bin froh darüber. Denn nicht nur habe ich gelernt, dass nach jedem Projekt ein neues kommt, auch habe ich so verschiedenste Branchen kennengelernt, über die ich schreiben kann – oder die ich in deinem Buch beurteilen kann.

Am leichtesten geht es natürlich immer, über etwas zu schreiben, was mensch selbst kennt. Aber immer nur über den eigenen Beruf zu schreiben, wird spätestens nach dem dritten Buch langweilig. Und dann heißt es recherchieren. Und auch die Lektor*in muss ein Stück weit kennen, was sie lektoriert, um einschätzen zu können, welche Recherche ausreichend war und wo noch Fragen offenbleiben. Natürlich kenne ich nicht jeden Beruf. Aber ich kenne einige.

Und über meine Recherchefähigkeiten habe ich bereits geschrieben 😉

Weitere Beiträge über mich: Ich bin ein Kaleidoskop – und das ist gut so (2)
Ich bin ein Kaleidoskop – und das ist gut so (1)

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