
Eine Person (besser) kennengelernt, die so ist wie ich in eine Generation älter. Warum sind normale zwischenmenschliche Interaktionen für mich nur so höllisch schwer?
Vom Beruflichen ins Private
Wir kennen uns schon ein halbes Jahr und gleich beim ersten Kennenlernen floss das Gespräch automatisch und entspannter, als ich es aus ähnlichen Situationen gewohnt bin. Aber „entspannter“ ist weit entfernt von „entspannt“, wie ich feststellen musste.
Wir haben uns diese Woche zum ersten Mal zu zweit in einem privaten Setting getroffen und schon im Vorfeld hatte ich jede Menge Angst (ich habe sogar eine ganze Therapiestunde auf dieses Treffen und meine diesbezüglichen Gefühle verwandt). Ich habe sehr viel projiziert, herumgesponnen, bin in alte Muster abgeglitten. „Sie könnte meine Mutter sein“, „was, wenn sie meine Mutter wäre?“ „Was, wenn auch sie von meiner Existenz und meinen überbordenden Gefühlen überfordert ist?“
Nähe schafft Verletzlichkeit
Wie haben mittlerweile in Form von Texten bereits eine Menge sehr privater Erinnerungen und Gefühle ausgetauscht, so dass ich den Eindruck hatte, sie kennt mich besser, als unsere gemeinsam verbrachte Zeit rechtfertigt. Das war gruselig.
Auf dem Weg zu unserem Treffen bin ich dann auch mal wieder ganz unvermittelt, wenn auch nicht überraschend, durch den Kaninchenbau in mein ganz persönliches Wunderland gestürzt.
Psychologischer Exkurs
In der Psychologie spricht mensch von „Alice-im-Wunderland-Syndrom“, wenn in Folge von Migräne oder vor einem epileptischen Anfall die Welt halluzinatorisch verändert wahrgenommen wird, die Welt erscheint z. B. auf einmal fremd, größer oder kleiner als gewöhnlich, auch der eigene Körper kann in der Selbstwahrnehmung die Größe oder Form verändern.
Wie gut, dass ich noch mal schnell nachgelesen habe, denn ich habe diesen Begriff immer für die gleiche Art von Wahrnehmung, nur als Folge von Dissoziationen und Derealisation, verwendet. Der Unterschied besteht vermutlich darin, dass ich die Welt zwar als verändert wahrnehme, aber gleichzeitig auch weiß, dass sie es nicht ist.
Dissoziation ist ein normaler Vorgang, der Menschen in Extremsituationen hilft, weiterzumachen, z. B. nach einem Autounfall Erste Hilfe zu leisten. Bei Traumaüberlebenden verselbstständigt sich dieser Vorgang aber manchmal, so dass auch ein Kaffeetrinken mit einer lieben Person zu einer Extremsituation wird.
Wundenland
Ich finde den Verweis auf Alice im Wunderland sehr treffend. Alles ist immer noch gleich – und gleichzeitig ganz anders. In meiner ersten Erinnerung an ein solches Erlebnis fuhr ich wie jeden Tag mit dem Rad zur Schule, ich war dreizehn oder vierzehn. Ich sah hinter einer Wiese eine rote Regionalbahn vorbeifahren. Weder fuhr sie besonders langsam, noch war es eine andere Strecke als sonst, dennoch hatte ich auf einmal die ganz starke Empfindung, ich führe durch eine Landschaft für Modelleisenbahnen. Und auch ich sei nur ein winziges Modell eines Radfahrers, jeden Moment könnte eine Hand aus dem Himmel kommen und mich willkürlich an eine andere Stelle setzen. (Oder zu Staub zermahlen.)
Am Anfang waren diese Erlebnisse gleichermaßen beängstigend wie faszinierend, mittlerweile bin ich sie gewohnt und sie nerven nur noch, weil sie mir anzeigen, dass ich mal wieder mehr Angst habe, als ich ertragen kann.
Diese Woche dann, mal wieder auf dem Fahrrad, habe ich einen flüchtigen Blick in die Wolken geworfen und bin in den Himmel gefallen. (Das Gefühl, nach oben zu fallen, ist auf seine ganz eigene Art verstörend.) Meistens helfen mir starke Körperwahrnehmungen, manchmal schon allein durch Bewegung, ein Igelball oder scharfes Weingummi dabei, wieder in meinem Körper anzukommen.
Leider habe ich es dieses Mal nicht geschafft, während unseres Kaffeetrinkens wieder auf die Erde zu kommen. Ich war vermutlich etwas einsilbig, dennoch wurde es ein langes und schönes Gespräch.
Aftermath
Aber als wäre der Sturz ins Wundenland nicht schon genug, konnte ich in der Nacht danach nicht schlafen und kippte immer wieder zwischen sich entgegengesetzten, aber gleichermaßen infantilen Impulsen hin und her. „Ich will sie nie wieder sehen“ wechselte mit „ich will sie sofort wieder sehen“, „ich werde ab jetzt ganz viel arbeiten und sie mit meinem Erfolg beeindrucken“ zu „ich werde magersüchtig oder sportsüchtig oder alkoholsüchtig oder tablettensüchtig und beweise ihr damit, wie kaputt ich wirklich bin“.
Wie gut, dass ich mittlerweile selbst in meinem schlechtesten Moment einen minimalen Abstand zu diesen Gedanken wahren kann und weiß, dass da das Trauma spricht, nicht die gesunde, erwachsene Person, die es laut meiner Therapeutin auch in mir gibt. Weniger anstrengend wird es damit nicht.
Ich bin erschöpft und durcheinander und frustriert darüber, dass diese alten Muster doch immer wieder kommen. Ich wünschte, ich wäre weiter, ich wünschte, ich könnte „einfach ganz normal“ Freundschaften schließen. Denn auch mein Einzelkämper*innenmodus funktioniert nicht mehr so gut wie früher.
Ein Schritt nach dem anderen
Aber ich bleibe dabei, mich zu einem sozialen Wesen zu formen, ich schaue, was passiert, und werde mich jeden Schritt des Wegs selbstreflektieren und fragen, wer da gerade in mir den Ton angibt. Das macht alles ein bisschen anstrengender, aber daran bin ich ja gewöhnt.
Außerdem schadet es wirklich nicht, mich ein bisschen mehr auf meine Arbeit zu konzentrieren anstatt auf das Trümmerfeld in meinem Kopf. Ich bin nicht da, wo ich sein möchte, also muss ich etwas dafür tun.
Und sonst noch?
- Reagiere ich auf Auftragsanfragen über den Verbandsverteiler, seit einer Weile leider erfolglos.
- Überarbeite ich ein altes Manuskript, das endlich das Licht der Welt erblicken soll.
- Habe ich einige Gedichte geschrieben – dafür ist emotionales Chaos immer gut.
- War ich zum ersten Mal in Drag auf einer Demo, was ein sehr bereicherndes Gefühl war. Irgendwie ist Gentleman Drag ein ganzes Stück größer als ich, auch ohne Plateauschuhe.
- Ernte und esse ich ganz viele Kirschen und vermisse die Stare, die die letzten Jahre immer dabei geholfen haben.
Und wenn du magst, was ich tue, schenke mir ein Sternchen oder einen Kommentar, empfehle mich weiter oder unterstütze mich bei Patreon!
