
Die noch am Baum hängenden Kirschen stressen mich ungemein – eine To-do-Liste, die die Natur schreibt.
Erntepflicht
Die diesjährige Kirschernte ist wohl überall reichhaltig – wie dieses Jahr bisher generell ein gutes Erntejahr ist, weil der Mai so kühl und feucht war. Wir haben einen großen, wunderschön gewachsenen Kirschbaum im Garten und mehr Kirschen, als wir essen (und haltbar machen) können.
Und das setzt mich jedes Jahr unter Druck. Ich will immer alles ernten, was ich nur kann – aber es ist einfach zu viel. Die letzten Jahre war das hauptsächliche Problem, dass ich ja arbeiten gehen musste und nach der Arbeit oft keine Kraft mehr hatte. Dieses Jahr ist das erste Jahr, das ich von zu Hause aus arbeite, und ich habe gerade tatsächlich nicht so viel zu tun. Die Zeit zum Ernten zu finden war also nicht das Problem.
Aber es sind einfach so viele Kirschen! Meistens habe ich mich nur mit dem Pflücker an einer Stelle unter den Baum gestellt, alles abgeerntet, wo ich rankam, und meine Schüssel war schon voll. Ich habe viel eingefroren und eingekocht und natürlich auch direkt gegessen. Und viele Kirschen auch verschenkt.
Woher der Druck?
Aber warum stresst mich das überhaupt so? Selbst dass ich an gut vier Fünftel der Kirschen selbst mit Leiter gar nicht herankomme, weil der Baum so groß ist, tut mir weh. Dabei könnte ich doch einfach entspannt so viel ernten, wie ich haben möchte, und den Rest hängen lassen.
Ich habe generell Probleme etwas wegzuwerfen, besonders bei Lebensmitteln. Aber die am Baum hängen bleibenden Kirschen sind ja nicht weggeworfen – sie werden nur nicht von Menschen gegessen. Einen Teil holen die Vögel, der Rest bleibt als Biomüll im Kreislauf und die Maden wollen auch leben.
Vielleicht liegt es daran, dass ich das Ernten schon von klein auf beobachtet habe. Meine Großeltern hatten nebenher ein wenig Landwirtschaft, meine Eltern zwei Gärten, es wurde immer angebaut und geerntet. Und wenn etwas Saison hatte, gab es das auch, egal, ob es uns schon zu den Ohren raus kam.
Vielleicht ist es auch eine Verlagerung des Drucks, den ich verspüre, weil ich schon ziemlich lange keinen Auftrag mehr hatte. Wenn ich schon kein Geld verdiene, muss ich doch wenigstens essen, was ich kostenlos bekomme, meine eigene Ernte.
Auf jeden Fall zeigt es den Druck, immer produktiv zu sein, den ich früher von meinen Eltern und nach wie vor von der Gesellschaft verspüre bzw. verspürt habe. Obwohl die momentane Hitze mir echt zu schaffen macht, fällt es mir schwer, einfach mal nichts zu tun.
Die Natur verändert sich
Erschwert wird es mir dadurch, dass die Stare, die in den letzten Jahren in Schwärmen zu über hundert Vögeln gekommen sind, um unsere Kirschen zu ernten, dieses Jahr ausgeblieben sind. Vielleicht ist es noch eine Folge der Vogelgrippe, vielleicht eine Folge der Klimakatastrophe, vielleicht haben sie durch den Abriss einiger leerstehender Gebäude in der Nähe nicht die gewohnten Nistplätze gefunden.
Was auch der Grund ist – es ist eine Katastrophe für unseren Kirschbaum. Er hängt immer noch voll, obwohl die Kirschen mittlerweile schwarz und für Menschen nicht mehr genießbar sind. Sie werden den Boden unseres Gartens mit ihrem Saft färben, wenn ein Gewitter sie herabregnen lässt. Und das tut mir echt im Herzen weh.
Emotionsregulation fehlt
Und das bei der Hitze. Normalerweise mache ich viel Sport, um meine Gefühle zu verarbeiten. Aktuell ist das kaum möglich, nur in den Morgen- und Abendstunden mache ich wenige Übungen, die mir trotzdem gleich die Hitze in den Kopf steigen lassen. Ich leide unter verstärkter Klimaangst und Depression, vor allem bin ich aber frustriert. Mit der Erntesituation, mit der Auftragslosigkeit, mit der Tatsache, dass ich bei Hitze eben nicht so leistungsfähig bin wie sonst.
Es wird erstmal noch heiß bleiben, sogar noch heißer werden, und die nächsten Jahre wird das auch nicht besser. Zeit, damit aufzuhören, gegen die Hitze anzukämpfen. Ich werde meinen Schlafrhythmus ändern, damit ich die heißesten Stunden verschlafe (zum Glück ist es in unserer Wohnung noch recht kühl) und in den kühleren Stunden arbeiten und mich bewegen kann. Aber vor allem muss ich besser priorisieren und mich im Pause machen üben. Das ist ohnehin mal dran.
Und sonst noch?
- Sitzen unsere Brombeerpflanzen voll mit Blüten und winzigen, grünen Früchten. Ich hoffe, der Kirschstress wird sich nicht wiederholen.
- Habe ich eine Zusage für eine Veröffentlichung in einer Anthologie noch diesen Sommer bekommen. Ich darf dir noch keine näheren Informationen geben, aber sobald ich darf, erfährst du natürlich wann und wo.
- Habe ich eine LinkedIn-Fortbildung begonnen, die ich schon vor einer ganzen Weile gekauft habe. Ich nehme mich und mein Business jetzt ernst! (Hoffentlich.)
- Habe ich ganz viele Gedichte geschrieben. (Es ist viel los in meinem Kopf gerade.)
- Habe ich ein neues Beitragsformat bei Instagram gestartet, schau gerne mal vorbei, wenn du es noch nicht gesehen hast.
- Werde ich langsam paranoid, weil ich immer noch keinen neuen Auftrag erarbeitet habe, obwohl ich auf ganz viele tolle Anfragen reagiert habe. Steht irgendwo, dass ich eine schlechte Lektor*in sei?
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Sag mal, wie überlebst du die Hitze?
