
Ich bin hingefallen, eine ganze Weile liegen geblieben und immer wieder von Neuem aufgestanden.
Manchmal tut Therapie weh
Meine Therapeutin hat mich vor ein paar Wochen gefragt, ob es nicht sinnvoll wäre, diesen einen, nicht mehr erfüllbaren Wunsch – den Wunsch nach einer starken Mutterbindung zu irgendjemensch, nur nicht meiner Mutter – aufzugeben. Schließlich weiß ich doch, dass dieser Wunsch nicht mehr erfüllbar ist – wer würde denn eine erwachsene Person adoptieren und bedingungslos lieben? Erwachsene Beziehungen funktionieren anders.
Ich wusste und weiß, dass sie recht hat. Unerfüllten Wünschen nachzuhängen macht nur unglücklich und zynisch, das bin ich schon genug. Ich habe selbst sehr häufig daran gedacht, dass ich diesen Wunsch aufgeben sollte. Es an diesem einen Tag von meiner Therapeutin zu hören war jedoch etwas ganz anderes.
Das hat mich in ein tiefes Loch gestürzt. Wenn ich nicht mehr versuche, mit meinen Taten (positiven und negativen) die Aufmerksamkeit wechselnder Mutterfiguren zu erregen, warum sollte ich dann überhaupt irgendetwas tun? (Dass es mir Spaß macht, war für mich noch nie ein ausreichender Grund.)
Politik tut meistens weh
Eine Motivation verblieb mir jedoch – alles in meiner Macht Stehende tun, um die drohende Regierung der Partei mit A in Sachsen-Anhalt zu verhindern. Also war ich trotz Depression auf einer Demo der Omas gegen Rechts, als die Partei ihren Wahlkampf in Magdeburg eröffnet hat.
Schon in der Straßenbahn hörte ich einen Politiker über „die kleine Demo“ (seine Worte) spotten und musste mir dann von ihm noch eine friedliche Veranstaltung wünschen lassen – ich konterte damit, dass ich mir ein friedliches Leben wünsche, seine Partei mir dies aber nicht gönnt, und stieg aus. Direkt hatte ich eine Panikattacke. Viele Menschen kamen zu mir, versuchten, mir zu helfen oder einfach nur meine Angst mit mir auszuhalten. Ich weiß nicht, ob Demos politisch irgendetwas verändern. Aber sie sind effektive Selbsthilfegruppen.
Tatsächlich war die Demo (im Verhältnis zur gesamten Zivilgesellschaft) eher klein und der Wahlkampfauftakt gut besucht. Das, was in mir gehofft hat, die Umfragen würden trügen, ist an diesem Tag zerbrochen. Die Depression wurde stärker. Wenn DIE ohnehin im September gewinnen, warum dann noch irgendetwas tun? Sie werden ohnehin mit nichts zufrieden sein, was ich tue.
Aber Aufgeben ist keine Lösung, also habe ich mich wieder aufgerappelt. Ich hatte bereits einen neuen Blogbeitrag diktiert, musste nur noch zur Therapie, bevor ich ihn aufschreiben konnte.
Und bin auf dem Heimweg gleich in die nächste Wahlkampfveranstaltung geraten, im Nachbarstadtteil. Natürlich wieder mit einer kleinen Protestgruppe, zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht (für mich). Ich wollte alles andere als stehen bleiben, aber weiter fahren war mir nicht möglich. Ich habe eine Stunde geweint und gezittert, wurde von siegessicheren Anhängern (bewusst nicht gegendert) verspottet und von fremden Omas getröstet. Noch ist gar nichts zu spät.
Der Kampf gegen Rechts ist ein guter Grund
Morgens glaube ich noch nicht daran, Kaffee ist der Grund, warum ich morgens aufstehe, oder eine volle Blase, eine hungrige Katze. Aber wenn ich erstmal alle Grundbedürfnisse befriedigt habe, schöpfe ich Energie aus dem notwendigen Kampf. Viele denken wie ich, viele schweigen aber auch noch. Aus Angst oder Faulheit oder dem Irrglauben, es könne nie wieder passieren.
Am liebsten würde ich von Haustür zu Haustür laufen und allen Menschen erklären, warum es nicht in ihrem Sinne ist, diese Partei zu wählen (außer sie sind weiß, cis-männlich, hetero und reich, vor allem Reiche gibt es in Sachsen-Anhalt eher wenige). Leider erlaubt meine Angst es mir ja kaum, in einen Supermarkt zu gehen.
Aber ich werde nicht schweigen, wenn ich in Gespräch hineingezogen werde. Ich werde demonstrieren gehen, ich werde Kunst schaffen, die Haltung hat und (hoffentlich) anderen Menschen, die leiden wie ich, ein wenig Hoffnung geben kann. Ich bin mir nicht sicher, ob ich davon leben kann (vielleicht muss ich mir im September doch wieder einen Nebenjob suchen). Aber es gibt mir einen Grund, weiterzumachen. Was bleibt auch sonst?
„Wer anders denkt, geht freiwillig ins Irrenhaus.“ (Nietzsche)
Und sonst noch
- Hatte ich eine wunderschöne, kleine, familiäre Ausstellung (dazu folgt ein eigener Beitrag).
- Habe ich angefangen „Die Schönheit der Differenz“ von Hadija Haruna-Oelkers zu lesen (dazu folgen mehrere eigene Beiträge).
- Bin ich dabei, meine Stimme zu trainieren für ein Hörbuch, das ich einsprechen darf.
- Leide ich unter der Hitze. Wer noch?
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