Almost an Adult

Almost an Adult 26.20

Figur, die davon fliegenden Ballons hinterher läuft

Es gibt keine unpolitische Handlung.

Und genausowenig gibt es unpolitische Menschen oder unpolitische Zeiten. Es gibt nur Menschen, die zu faul sind, sich mit den Folgen ihres Handelns auseinanderzusetzen. Und diese Menschen fehlen im Kampf für ein demokratisches Deutschland. Gerade jetzt fehlen sie sehr.

Wo warst du?

So war ich am 9. Mai mal wieder auf der Straße für „die Prüfung aller vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall oder als gesichert rechtsextrem eingestuften Parteien“. Verknappt gesagt: Für das AfD-Verbot. Die lange Formulierung macht nur deutlich, dass wir das AfD-Verbot natürlich nur wollen, wenn das Bundesverfassungsgericht feststellt, dass von der Partei eine Gefahr für unsere Verfassung ausgeht. Und wir sind sicher, dass das so ist.

Ich bin kein*e Freund*in von Verboten und nicht einmal sicher, dass Demonstrationen wirklich etwas bewirken. Trotzdem bin ich der Meinung, dass jetzt jeder Mensch, der physisch und psychisch dazu in der Lage ist, auf die Straße gehen muss! Wer schweigt, stimmt zu. In ihrem Regierungsprogramm zeigt die AfD Sachsen-Anhalt sehr deutlich, dass sie verfassungsfeindlich ist. Und trotzdem passiert – nichts.

Ich habe von vielen Menschen gehört, dass es schon wichtig und richtig ist, dafür auf die Straße zu gehen. Und dann waren sie selber nicht da. Klar, es ist immer irgendwas, es ist immer etwas wichtig, aber was ist wichtiger als unsere wehrhafte Demokratie?

(Ich wollte „Freiheit“ schreiben und „Sicherheit“, aber beide Begriffe werden aktuell so populistisch verfälscht genutzt, dass ich sie nicht verwenden mag. „Freiheit“ entlässt uns nicht aus der Verantwortung, „Sicherheit“ bedeutet nicht, aufzurüsten und Fremde auszuweisen. Freiheit und Sicherheit für alle gelingt nur, wenn wir zusammenhalten, wenn wir mitfühlen und auch mal eine Einschränkung hinnehmen, die einer anderen dient.)

Hinterher ist zu spät

Ich frage dich, wo warst du und welchen guten Grund hattest du, nicht auf eine Demo zu gehen? Ich verstehe es, Angst vor Demos zu haben, aber ich habe selten eine so familienfreundliche Veranstaltung gesehen. Ich verstehe es, zu tun zu haben. Ich bin selbstständig. Ich könnte permanent arbeiten, irgendwas ist immer zu tun. Aber für wenig läuft uns so sehr die Zeit davon. Angestellte Arbeit verstehe ich, ich würde mir vermutlich auch nicht unbedingt Urlaub nehmen, wenn ich gezwungen wäre, irgendwo an der Kasse zu sitzen. Aber die Demos sind immer samstags, die meisten Menschen müssen eben nicht arbeiten.

Sehen wir uns im Juni?

Aber weil ich nicht daran glaube, dass Verbote und Demonstrationen die Lösung sind, will ich mehr tun. Ich habe letzte Woche den (wirklich gelungenen!) Film über Olivia Wilde gesehen. Und ich möchte mir ein Beispiel daran nehmen.

Alternativen leben

Letztes Jahr habe ich die Persona Genleman Drag entwickelt, aber nach dem CSD ist meine Schminke wieder in der Schublade verschwunden und der Dandystock in seiner Wandhalterung. Jetzt ist schon wieder CSD-Saison und ich möchte sichtbarer werden.

Auch sichtbarer, um mehr Geld zu verdienen, klar. Wie alle Menschen im Kapitalismus bin ich darauf angewiesen und leider kann ich das System nicht alleine umwerfen. Ich gehe auch gerne ins Café, ich kaufe gerne faire Kleidung und Lebensmittel, ich muss regelmäßig Zuzahlung zu Medikamenten und Therapien leisten, mein Lebenswandel ist nicht der billigste. (Der teuerste auch nicht.)

Aber vor allem möchte ich aufrütteln, bewegen. Mit Text und Bild und auch einfach mit meinem So-Sein. Und in Persona bin ich mutiger.

Sichtbarkeit ist Verletzlichkeit

Aber da Sichtbarkeit mir immer auch Angst macht, nehme ich mir erstmal vor, nur einmal im Monat etwas als Gentleman Drag zu machen. Auf die nächste Demo gehen, eine Vernissage besuchen, einfach nur in einem Café sitzen und Gedichte lesen. Und dann erzähle ich euch davon, was ich erlebt habe.

Und sonst noch?

  • Bin ich auftragslos und fühle mich etwas verloren. Natürlich habe ich trotzdem immer etwas zu tun, zu schreiben, zu malen, Kontakte zu pflegen und neu zu knüpfen. Aber keine bezahlte Arbeit zu haben fühlt sich echt nicht gut an.
  • Habe ich zwei neue Workshops geplant, einen erst im November, der nicht öffentlich sein wird, einen werde ich im August im Rahmen der CSD-Aktionswochen durchführen. Vielleicht sogar schon im Juli einen an der Uni.
  • Ist mein Garten unter Wildblumen und Gräsern verschwunden, die vorsichtig mit der Schere ausgedünnt werden, damit die verblühten Blüten den neuen Platz machen. Der Mai aprilt sehr und der Natur tut das sehr gut.
  • Habe ich einen neuen Instaplan erstellt. Nächste Woche bin ich verreist, aber danach wird es ein paar Neuerungen geben, bleibt neugierig.

Hinterlasst mir gern einen Kommentar, was ich tun könnte, um sichtbarer zu werden. Oder was ich lassen sollte. Oder warum ihr meinen Beitrag überhaupt zu Ende gelesen habt. Ich bin immer gespannt, von euch zu hören!

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