Schreibmenschen

Schreiben für Geld und schreiben gegen den Wahnsinn

Verschwommenes Bücherregal

Cora Albrecht schreibt darüber, wie sien Schreiben immer mehr an Herzblut verlor und dennoch unverzichtbar blieb. Miriam Schaan hat zu einer inoffiziellen, digitalen Anthologie über das Schreiben eingeladen.

Es gab mal eine Zeit, da habe ich geschrieben, wie ich gedacht habe, was ich gedacht habe. Und wenn ich nicht geschrieben habe, habe ich auch nicht weiter über das Schreiben nachgedacht.

Dann fing die Familie mit den Aufträgen an. „Du bist doch kreativ, schreib doch mal was zum Geburtstag von …“ Und ich saß dort, vor dem weißen Blatt Papier. Die Worte waren alle da, aber es fand sich einfach keine gute Reihenfolge.

Dann lernte ich, dass Bücher von Menschen geschrieben werden, dass Bücher schreiben ein Beruf ist, den Menschen tatsächlich ausüben. Das wollte ich auch. Also habe ich nachgedacht, bevor ich schrieb.

Zu Anfang ging das auch ganz gut. Meine Bücher hatten fünfzehn Seiten und zwanzig Bilder, ich habe sie fein säuberlich auf der Schreibmaschine meiner Mutter getippt und mit Paketklebeband gebunden.

Aber außer meiner Mutter wollte niemand meine Bücher lesen. Als Teenager habe ich ein paar zu Verlagen geschickt und freundliche Absagen mit Buchgeschenken zurückerhalten.

Das war kein Grund, aufzugeben. Natürlich habe ich weitergeschrieben, die Welt war noch nicht reif für meine Kunst. Aber dann habe ich Abitur gemacht, mit dem Studium angefangen, das Studium beendet. Nach langer Arbeitslosigkeit endlich eine Stelle gefunden.

Immer habe ich geschrieben. Aber es ist immer weniger geworden. Es ist immer weniger Herzblut geflossen.

Mittlerweile weiß ich, wie mensch eine Geschichte strukturiert, welche Konventionen mensch in welchen Genres einhalten sollte, was auf dem Markt funktioniert und was nicht. Und trotzdem sitze ich hier spät abends mit meinem Laptop auf dem Balkon, habe einen Text auf der sprichwörtlichen Zungenspitze und bekomme ihn nicht heraus.

Ich weiß genau, was ich sagen will, und ich weiß, wie es klingen soll. Aber der Wettbewerb gibt eine Textlänge vor, die ich noch nicht erreicht habe, auch wenn mein Stil in der Kürze liegt. Einen Text kürzen kann ich ganz gut, aber einen zu kurzen Text künstlich aufblähen?

Vor beinahe einem Jahr habe ich gekündigt, aus Gründen, und mich entschieden, all mein Geld auf die Kunst zu setzen, zu schreiben, zu lektorieren, zu unterrichten – alles für gute Literatur. Und ungefähr genauso lange habe ich Angst, als Hochstapler*in enttarnt zu werden. Ich weiß doch schließlich nichts über gute Texte.

Ich sitze doch schließlich hier und finde die Worte nicht.

Schreiben. Sehnsucht kreativer Köpfe, die gegen die immer gleichen Wände rennen, aus Duden und Lexika erbaut, Wörter wie Reißzähne, die immer die falschen sind. Und dennoch schreiben. Um den Verstand nicht endgültig zu verlieren, um Gefühlen und Träumen Namen zu geben, um vielleicht sogar das ein oder andere Herz zu berühren. Aus der tristen Gegenwart in fantasievolle Welten entfliehen, mit Drachen kämpfen und überleben. Schreiben. Täglicher Kampf und tägliche Nahrung.

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