
Eine Woche Nichtensitting, eine Woche Erholung. Ich hatte das anders geplant, aber mein Körper macht doch gerne, was er will.
Wir können so viel von Kindern lernen
Ich habe beinah eine Woche bei meiner vierjährigen Nichte verbracht und von morgens bis abends ihre Geschichten gespielt. Aber weil sie mittlerweile sehr eigenständig spielt und es oft nur wichtig war, dass ich dabeisitze und hin und wieder das Richtige sage, hatte ich auch viel Zeit, mich selbst dabei zu beobachten.
Und nicht alles, was ich über mich gelernt habe, hat mir gefallen.
Spielen ist Zeitverschwendung?
Für die unschönen Momente, ihre Wutanfälle, ihre Müdigkeit, hatte ich unendliche Geduld. Ich verstehe, warum Eltern die Hutschnur platzt manchmal, aber ich habe meine Nichte so selten, dass meine Geduldsreserven schier unerschöpflich sind.
Aber nicht beim Spielen! Wenn wir gespielt haben, meine Nichte ganz in die Geschichte in ihrem Kopf vertieft war und ich eigentlich nur hin und wieder darauf reagieren sollte, wurde mir sehr schnell langweilig. Dabei finde ich es faszinierend, welche Geschichten ihre Fantasie spinnt, wie viele Details sie sich gleichzeitig merken kann und wie ungeduldig sie reagiert, wenn ihre Fantasie sich an der Realität bricht.
Für sie ist es so selbstverständlich, dass ihre Steckenpferde sprechen, dass sie auf eine Antwort gedrängt hat, als ich gerade auf der Toilette war und die Sprechrolle nicht übernehmen konnte.
Trotzdem sagte eine böse Stimme in meinem Kopf, dass Spielen Zeitverschwendung sei, ich die Zeit doch sinnvoller nutzen könne, indem ich Sport mache oder eine eigene Geschichte ausarbeite. (Funfact: Meine Nichte mochte es gar nicht, als ich nebenbei Zehenübungen gemacht habe.)
Ich möchte mein Leben spielen!
So ein Mensch möchte ich nicht sein. Weder für meine Nichte, die unterschwellig vielleicht das Gefühl hatte, dass sie mir nicht wichtig genug war, ihr meine volle Aufmerksamkeit zu schenken, noch für mich selbst. Denn auch Erwachsene müssen spielen, um sich vor dem Ausbrennen zu schützen. Auch Erwachsene müssen mal etwas leicht nehmen und ich neige dazu, alles viel zu ernst zu nehmen.
Ich möchte diesen Teil von mir heilen, der schon in frühester Kindheit lieber lernen oder aufräumen sollte als spielen. Ich möchte Spielen auf meine To-do-Liste schreiben, bis es für mich ganz natürlich wird. Auch Kunst ist Spiel und sie wird vielleicht auch besser werden, wenn ich nicht mehr über jeden Pinselstrich nachdenke. Auf jeden Fall wird sie mir leichter von der Hand gehen, ich werde morgens nicht mehr blockiert vor einen Berg von ernsten Aufgaben stehen und dann keine davon bearbeiten.
Ich brauche nichts, nichts
Eine große Schwierigkeit für meine Nichte und mich war es, wenn ich Bedürfnisse hatte, die mit ihren kollidierten. Mir fällt es in allen Umgebungen schwer, meine Bedürfnisse wahrzunehmen und zu äußern, besonders aber in Bezug auf Kinder. Sie sollen doch so lange wie möglich denken, das Zentrum der Welt zu sein.
Aber mit vier Jahren muss meine Nichte unbedingt lernen, dass es Bedürfnisse gibt, die befriedigt werden müssen, auch wenn es gerade mit dem Spiel nicht vereinbar ist. Damit es ihr leichter fällt, mit anderen Menschen klarzukommen, aber auch, damit sie in der Lage ist, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Kinder lernen am Modell. Sie müssen erfahren, dass Hunger, Durst und eine volle Blase wichtiger sind als jedes Spiel.
Und ich muss meine Bedürfnisse äußern, bevor ich frustriert darüber bin, dass sie nicht befriedigt werden. Denn unausgesprochene Bedürfnisse blieben ungesehene Bedürfnisse.
Ich brauche alles
Gleichzeitig ist in mir ein sehr bedürftiges Kind, das allzu lange vernachlässigt wurde und jetzt neidisch ist auf die liebevolle Zuwendung, die andere Kinder bekommen. Ich kann meine Vergangenheit nicht ändern. Aber ich kann mein inneres Kind heilen, indem ich ihm die Aufmerksamkeit widme, die mir früher versagt wurde. Ich bin erwachsen, irgendwie, es ist meine Aufgabe, mich um dieses Kind zu kümmern. Wenn ich es nicht mache, wer dann?
Ich hatte ganz vergessen, wie schön es ist, eine Pusteblume auszupusten. Ich musste erst wieder lernen, laut und frei zu lachen. Die ersten Tage klang mein Lachen falsch in meinen Ohren. Aber nur sechs Tage mit einem kleinen Kind haben mir mein Lachen wiedergegeben.
Die Leere danach
Wie immer hatte ich nach dieser wunderbaren, anstrengenden Zeit einen depressiven Backlash. Natürlich war ich auch einfach erschöpft, aber es kam auch viel alte Trauer wieder hoch, das Trauma war laut und ich wusste oft nicht, wie ich mich halten sollte. Ich habe Sport getrieben und die Wohnung sauber gehalten, für viel mehr hat meine Kraft nicht gereicht.
Anxiety is great again. Groß vor allem. (Und warum hat das Deutsche kein treffendes Wort für dieses Gefühl, diese dauernde Anspannung, diese Angst, die sich auf nichts Bestimmtes richtet?)
Jede depressive Phase macht mir Angst, es würde niemals besser werden. Als hätte ich immer noch die Hoffnung, ich müsste nur diese eine Stellschraube im Außen finden und auf einmal ist alles gut. Gerade hängt diese Hoffnung an meiner Arbeit – liebe ich das Lektorieren etwa nicht? Tut es mir nicht gut?
Aber auch jede Zeit ohne Auftrag macht mir Angst. Als würde es bedeuten, dass ich nie wieder einen Auftrag bekommen werde. Und diese Sorge gehört einfach zu dem Weg, den ich gewählt habe, dazu. Ich bin noch ganz am Anfang, Durststrecken sind normal, ich muss einfach durchhalten.
Im Beruf und in der Heilung. Beides ist langsam, für beides brauche ich Geduld. Und die habe ich mit mir doch so selten.
Eigene Projekte vorantreiben
Dabei habe ich genug eigene Projekte, denen ich jetzt nachgehen kann, bis ich den nächsten Lektoratsauftrag bekomme. Ich habe Geschichten zu malen, zu schreiben, zu überarbeiten, ich bin voller Ideen und Träume. Und die treibe ich jetzt jeden Tag ein bisschen weiter.
Es ist Sommer, die Kirschen sind prall und rot, ich genieße die Zeit in der Natur. Ich werde körperlich wieder aktiver, nachdem mich Anfang des Jahres eine Anämie gehemmt hat. Und mit dem Körper wird auch die Seele wieder tanzen, irgendwann.
Und sonst noch?
- War der letzte Termin in der Volkshochschule vor der Sommerpause, im September geht es weiter und es ist viel geplant.
- Gibt es im Juli einen kostenlosen Workshop in der Uni und im August einen zum CSD.
- Muss meine Juliausstellung vorbereitet werden.
- Trete ich endlich mit einem alten Manuskript an die Öffentlichkeit. Jedenfalls bewerbe ich mich erstmal bei Agenturen, für Self-Publishing fehlen mir die Mittel. Aber irgendwann findet es irgendwo ein Zuhause, da bin ich mir sicher.
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