
Ist es tatsächlich nur eine Woche her, seit ich das letzte Mal gepostet habe? Es erschien mir länger. Dabei ist doch gar nicht viel passiert.
Der Wahlschock ist noch nicht verschwunden, aber es wird Zeit, wieder aufzustehen. Mich neu aufzustellen. Und so habe ich auch darüber nachgedacht, ob und wenn ja, wie ich diese Blogkolumne weiterschreiben möchte. Wenn ich vorwiegend alleine an meinem Schreibtisch arbeite, erlebe ich so wenig.
Aber in meinem Kopf ist viel los, im Land auch. Ich möchte dir davon erzählen, was ich lese, was ich höre, was ich schaue. Ich möchte dir davon erzählen, wie ich fühle.
Held*in wider Willen
Ich habe heute Mittag ein Reel gesehen, in dem eine Person davon singt, dass sie eine Held*in sein musste, als sie doch nur Kind sein wollte. Ich wollte ebenfalls niemals Held*in sein, weder im kleineren Trauma-Bereich, noch politisch. Aber was bleibt uns denn anderes? Je schwerer die Aufgaben, desto wichtiger ist es, dass wir uns ihnen stellen. Wir müssen Held*in unseres Lebens bleiben, sonst gehen wir unter.
Deshalb versuche ich jetzt, mein Leben entlang der Heldenreise einzuordnen.
Die Wahl war ein Iniciation Point. Die letzten zwei Wochen habe ich mich verweigert, so sehr, dass ich das Wochenende über erkältet auf der Couch lag. Beim Stricken sehe ich wenigstens, was ich getan habe.
Aber es ist Zeit, die Schwelle zu überschreiten.
Kampfzone
Ich habe aktuell wieder vermehrte Flashbacks. Für alle, die Flashbacks nur aus dem Fernsehen kennen, sei gesagt, dass sie – zumindest bei mir – ganz anders sind. Ich sehe keine Filme vor meinem inneren Auge, ich höre keine Stimmen. Ich fühle. Ich spüre ganz massiv, was ich damals gespürt habe, auch wenn mir die Filme dazu fehlen. Das als Flashback einzuordnen hat lange gedauert. Aber heute weiß ich, das ist keine PMS und keine Blasenentzündung. Das ist eine Wunde, die niemals heilen durfte.
Gerade würde ich also unheimlich gerne depressiv auf der Couch liegen bleiben. Aber ich habe einen Auftrag, hinter dem ich mit Leib und Seele stehe, also stehe ich auf, also schüttele ich die Schwere ab – wortwörtlich, ich tanze morgens, um meinen Körper in Gang zu bringen. Und ich arbeite.
Und wir alle haben einen Auftrag. In Mecklenburg-Vorpommern sieht das politische Bild nicht viel besser aus als hier in Sachsen-Anhalt. Ich habe aus gutem Grund erst heute nach den Wahlergebnissen geschaut. Aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt, depressiv auf der Couch zu liegen. Wir müssen jetzt kämpfen – oder wir können es vielleicht niemals mehr.
Wieder auf der Straße
Auf der ersten Prüfdemo nach der Wahl waren viele Menschen, wirklich viele. Aber nicht genug. Ich freue mich über jeden, der kommt. Und ich frage nach jedem, der zu Hause bleibt. Warum? Ich sehe auf der Demo viele, denen es schwerfällt, die Gehhilfen brauchen, die Masken tragen, die wie ich ängstlich nach links und rechts schauen. Wir alle gehen auf die Straße, warum du nicht? Wie viel bist du noch bereit zu akzeptieren, bevor du reagierst?
Auf der Straße habe ich mir aber vielleicht auch einen Infekt geholt, jedenfalls war ich lange angeschlagen, bis es Ende der Woche dann richtig ausgebrochen ist. Vorher habe ich es aber noch geschafft, die 500+ Seiten meines aktuellen Lektoratsprojekts zu lesen. Ich beginne immer damit, erstmal alles zu lesen, um mir einen Überblick über Aufbau und Thema zu verschaffen und zu schauen, was eigentlich zu tun ist.
Und es ist ein so gutes Buch. Es ist viel zu tun, aber das ist alles machbar. Das Thema – eine Kombination aus Persönlichkeits- und Unternehmensentwicklung – passt zu mir. Ein Buch, dass die Welt ein kleines bisschen besser machen will, ohne zu belehren. Es ist der theoretische Unterbau des Märchens “Cinza“, das ich im Frühjahr lektorieren durfte und das jetzt endlich erscheint.
Wenn Freude fehlt
Ein Romanprojekt von mir ist auf der Longlist des Stipendiums der Mörderischen Schwestern gelandet. Mittlerweile weiß ich, dass es leider nicht einen Platz auf der Shortlist (und somit auch nicht das Stipendium) ergattern konnte. Trotzdem sollte es mich motivieren. Zumindest einen Teil der Jury konnte es mehr überzeugen als all die anderen Bewerbungen.
Leider motiviert es mich nicht. Es fällt mir gerade sehr schwer, mich über irgendetwas zu freuen. Aber ja, ich werde mich diesem Projekt wieder widmen. Noch habe ich nicht entschieden, was ich diesen November schreiben will.
Die Volkshochschulsaison hat wieder gestartet, einer meiner Kurse ist gut gebucht, ein anderer sogar ausgebucht. Auch das freut mich weniger, als ich mir wünschen würde. Aber ich fühle mich im Unterricht immer wohler. Die eine Schreibwerkstatt gibt immer am Ende des Jahres ein kleines Büchlein heraus, sodass ich mich dieses Jahr zum ersten Mal als Herausgeber*in erproben kann (und mir Buchsatz beibringen werde). Wer weiß, wofür das einmal gut ist.
Es geht weiter
Das aktuelle Lektoratsprojekt ist eine Mammutaufgabe, die wird mich voraussichtlich noch den ganzen September und vielleicht sogar den ganzen Oktober beschäftigen und bringt erstmal ein gutes Einkommen. Also muss ich mich für eine kurze Zeit nicht um das Geld sorgen.
Ein neues Workshopkonzept entsteht, ich werde es bald mit meiner kleinen Onlinecommunity erproben, nächstes Jahr soll es bei Patreon anlaufen.
Meinen Fantasy-Reisebericht will ich gerne noch im September zu Ende schreiben, damit ich mich im Preptober einem anderen Projekt widmen kann – vielleicht jenem Thriller, der kein Stipendium erhalten hat.
Vor allem aber brauche ich ganz viel (Selbst)Liebe gerade. Das ist meine wichtigste, aber auch meine schwerste Aufgabe. Weder in meiner Familie noch in unserer Kultur wurde mir beigebracht, mich selbst zu lieben, und jetzt habe ich diese Wunde, die einfach nicht heilen will. Also Wärmflasche drauf, Tee trinken, meditieren, die Katze kuscheln, Tanzen. Alles, was hilft, ist in Ordnung.
Und sonst noch?
- Im Filmclub habe ich „Das melancholische Mädchen“ gesehen (schon etwas länger her, ich habe aber noch nicht davon erzählt). Ein verrückter Film, irgendwie gut, aber ich weiß noch nicht genau, wieso. Ich muss ihn unbedingt noch mal sehen und eingehender analysieren.
- Ich habe Daphne du Mauriers „Die Bucht des Franzosen“ ausgelesen. Anders als „Rebecca“ und „Der Sündenbock“ fällt es nicht unter klassischer Horror, es ist eher ein Abenteuerroman, der auch auf gewisse Weise feministisch ist, wenn auch das Ende anders klingt. Er läd auf jeden Fall zum Träumen ein.
- Ich habe die letzten Sommertage genossen, Zimmerpflanzen umgetopft und an ihre Winterplätze verbracht. Bei meinen Pflanzen fühle ich mich sicher. Und während ich diese Zeilen schreibe, lockt schon wieder die Sonne vor dem Fenster, auch wenn mein Hals noch kratzt. Wie gut, dass ich meine Arbeit auch mit in den Garten nehmen kann.
Was macht dein Leben gerade?
