
In meinem letzten Blogbeitrag habe ich bereits die Rolle der Resilienz für die psychische Gesundheit betrachtet. Heute möchte ich mir ein wenig genauer ansehen, wie Schreiben die Resilienz stärken kann (z. B. aber natürlich nicht ausschließlich in einem Workshop mit mir.)
Dabei konzentriere ich mich auf die Weiterentwicklung der Sieben Säulen der Resilienz nach Dr. Franziska Wiebel, wie ich sie bei der Resilienz Akademie gefunden habe.
Sie formuliert die Resilienz als:
- Akzeptanz
- Bindung
- Lösungsorientierung
- Gesunder Optimismus
- Selbstwahrnehmung
- Selbstreflexion
- Selbstwirksamkeit
Das sind vier Grundhaltungen und drei Praktiken. Und alle können wir durch regelmäßiges Heilsames Schreiben stärken (was ich unter Heilsamen Schreiben verstehe, erkläre ich in einem anderen Blogbeitrag).
Mit Geduld und Spucke
Grundhaltungen zu ändern ist nichts, was mit einer einzigen Entscheidung zu schaffen ist. Wir müssen uns jeden Tag aufs Neue, vielleicht sogar mehrmals am Tag dazu entscheiden. Praktiken dagegen kann mensch direkt praktizieren, daher heißen sie ja so. Und wendest du diese Praktiken an, verändern sie auch deine Grundhaltungen.
Akzeptanz bedeutet, wie bereits gesagt, das anzunehmen, was (noch oder nicht mehr) änderbar ist, wie z. B. die eigene Vergangenheit. Aufschreiben hilft hier, weil es eine Distanz zu den Gedanken und Erinnerung aufbaut. Auch wenn ein Text natürlich immer wieder überarbeitet werden kann, kann die Tatsache, dass es einmal aufgeschrieben wurde, nie mehr zurückgenommen werden. Gerade daher fällt es oft schwer, besonders traumatische Erlebnisse niederzuschreiben. Doch sind sie einmal notiert, können wir sie ablegen, in eine Schublade sperren, und das ist ein erster Schritt zur Akzeptanz.
Durch den Selbstbezug und die Konzentration auf den Prozess des Schreibens anstatt auf den fertigen Text, stärkt Heilsames Schreiben die Bindung zu dir selbst. Du lernst dich selbst besser kennen und dadurch – hoffentlich – auch mehr anzunehmen und zu lieben. Wenn du in einer wertschätzenden, fürsorglichen Gruppe schreibst, in der alle in einer ähnlichen Situation stecken, findest du außerdem Bindung zu anderen. Das Schreiben ist immer – selbst bei einem völlig fiktiven Text – eine Öffnung und ein Wagnis, daher macht es so vielen Menschen solche Angst.
Verletzlichkeit zeigen
Doch hast du dich wirklich auf eine Schreibgruppe eingelassen und findest in ihr Gleichgesinnte, ist es schwer, keine Bindung aufzubauen. Gerade die Texte anderer zu hören und zu besprechen, andere Sichtweisen kennenzulernen, stärkt die Empathie und kann im Umkehrschluss dann auch dein Selbstmitgefühl verbessern.
Probleme aufzuschreiben, anstatt nur darüber zu grübeln, erleichtert oft die Lösung. Vielleicht hast du es selbst schon einmal erlebt, dass Probleme beim Grübeln immer größer zu werden scheinen, sie zerfasern sich, du wiederholst dich und bereits gefundene Lösungsansätze werden wieder vergessen. Schreibst du die Probleme auf, kannst du sie besser in einzelne Schritte zergliedern und so eine Lösung zu finden. Das Problem aufzuschreiben zeigt deine Lösungsmotivation und bringt dich schon ein Stück weit ins Handeln, selbst wenn du noch gar keine Lösung gefunden hast.
Gesunder Optimismus bedeutet nicht, das Schlechte zu übersehen, sondern das Gute trotz des Schlechten erkennen zu können. Das ist so ähnlich wie bei den Problemen – das Grübeln neigt dazu, sich in immer gleichen oder zumindest ähnlichen Bahnen zu bewegen. Denkst du also immer weiter über das Schlechte in deinem Leben nach, haben die guten Gedanken kaum eine Chance, selbst wenn du dir bewusst vornimmst, nach dem Guten Ausschau zu halten.
Struktur und Sichtbarkeit
Beim Aufschreiben kannst du deine Grübelschleifen durchbrechen, dir fällt sehr schnell auf, wo du dich wiederholst. Auch wenn natürlich auch Gedanken willentlich gelenkt werden können, ist die eigene bewusste Aktivität beim Schreiben höher und du kannst z. B. absichtlich jedem schlechten Gedanken einen positiven entgegensetzen. Durch das Aufschreiben hast du außerdem einen sichtbaren, dauerhaften Beweis dafür, dass positives Denken möglich ist, den du an einem schlechten Tag wieder rausholen kannst.
Im Schreiben wirken diese Grundhaltungen vielleicht gezwungen und gewollt, doch je mehr du sie im Schreiben einnimmst, desto mehr werden sie sich verselbstständigen und auch dein automatisches Denken formen.
Sich selbst kennenlernen
Mit bestimmten Schreibübungen kann der Fokus gezielt auf Selbstwahrnehmung gelenkt werden. Werden z. B. bestimmte Achtsamkeitsübungen wie die 5-4-3-2-1 Methode (fünf Dinge, die du siehst, vier Dinge, die du hörst, drei Dinge, die du fühlst, zwei Dinge, die du riechst, ein Ding, das du schmeckst benennen) schriftlich durchgeführt, erhöhst du die Konzentration und hast ein sichtbares Ergebnis, das als Erinnerungsstütze dienen kann. In Form eines Symptomtagebuchs können bessere und schlechtere Tage besser unterschieden werden. Der Fokus darauf, was wir alles Schönes wahrnehmen können, wie in einem Dankbarkeitstagebuch, kann unsere Zufriedenheit erhöhen.
Aber natürlich geht die Selbstwahrnehmung weit über die fünf Sinne hinaus. Richtig spannend wird es, wenn wir uns unseren Gefühlen zuwenden und uns erlauben, in einem Text mal so richtig wütend, traurig, selbstmitleidig… zu sein.
Übungen zur Selbstwahrnehmung führen fast automatisch zur Selbstreflexion, weil wir schreibend beginnen, über unsere Wahrnehmungen, unsere Gefühle und unser Handeln nachzudenken. Dadurch können wir uns selbst besser kennenlernen und nur durch Erkenntnis kann auch Veränderung entstehen.
Sich selbst ausdrücken
Die Selbstwirksamkeit wird bereits durch den Akt des Schreibens selbst gestärkt. Anstatt uns in unseren Grübelschleifen zu verlieren, sind wir aktiv geworden und unsere Gedanken werden zu Texten – egal wie roh und banal diese auch erscheinen mögen.
Behandeln unsere Texte Situationen, in denen wir selbstbewusst und stark gehandelt haben, helfen sie uns, uns an besonders selbstwirksame Momente zu erinnern. Situationen, mit denen wir nicht zufrieden sind, können wir in Texten ein besseres Ende verschaffen. Natürlich können wir die Vergangenheit nicht umschreiben. Aber wir können die Geschichte, die wir uns über unsere Vergangenheit erzählen, ändern. (Damit meine ich jetzt nicht blanken Selbstbetrug. Aber schreibst du einer Situation, in der du dich klein und schwach gefühlt hast, ein stärkendes, positives Ende, fühlst du dich besser. Und kannst in der Zukunft vielleicht anders auftreten.) So zeigen wir uns, dass ein selbstwirksameres Leben möglich ist.
Und geben wir all unseren im Alltag unterdrückten Gefühlen in einem Text endlich einmal Raum, fühlt auch das sich unendlich befreiend an. Unsere Gefühle dürfen Raum einnehmen, sie sind ein Teil von uns, vielleicht sogar der Größte und Schönste. Uns bewusst für unsere Gefühle zu entscheiden, kann uns stärken, selbst wenn es „nur“ in unseren Texten ist.
Sich selbst vergessen
In meinen Workshops behandle ich schließlich noch ein drittes Modul, „Sich selbst vergessen“. Manchmal ist es dir sicher auch zu viel, du selbst zu sein, dein aktuelles Leben zu führen. Dann darfst du dich auch ganz selbstbestimmt entscheiden, dich von dir selbst abzulenken. Natürlich kannst du das tun, in dem du fernsiehst – eine ziemlich passive Aktivität. Lesen ist schon ein bisschen aktiver, aber beim Schreiben bist du am aktivsten. Denn du allein entscheidest, wer und wo du jetzt gerne wärst. Rettest du als Superheld New York? Liegst du einfach nur Cocktailschlürfend am Strand? Du hast – und sei es auch nur für die Länge eines Textes – die vollständige Macht über dich und deine Welt. Sei einmal Gott, du wirst das Gefühl so schnell nicht mehr vergessen.
Jetzt bist du dran
Ich hoffe, ich konnte dir zeigen, dass Heilsames Schreiben alle sieben Säulen der Resilienz stärken kann. Natürlich kannst du das auch alleine in deinem Zimmer machen, Schreibimpulse und -übungen findest du im Internet und in Büchern zu Hauf. Aber eine wertschätzende Gruppe ist auch hier viel motivierender und unterstützender, sei es durch den Austausch mit den anderen, durch die anderen Blickwinkel oder einfach nur durch den vorgegebenen Rhythmus.
Wenn du jetzt eine Schreibgruppe besuchen möchtest, folge meinem Blog, um zu erfahren, wann ich wo vor Ort Workshops gebe, lade mich gerne zu einem Workshop bei dir ein oder trete meiner Patreon-Community bei. Für nur 10€ monatlich erhältst du hier regelmäßige heilsame Schreibimpulse und liebevolles Feedback durch mich oder die Gruppe (und alles, was mein kreatives Universum sonst so zu bieten hat).
Lass mir gerne einen Kommentar dar und erzähle, was dich am Schreiben am meisten interessiert.
