Almost an Adult

Almost an Adult 25.44

Figur, die davon fliegenden Ballons hinterher läuft

Es ist November! Ich habe zwar nicht in den November reingeschrieben, sondern bin wie die alte Person, die ich nun einmal mittlerweile bin, kurz vor Mitternacht ins Bett, aber dafür habe ich den ersten Novembertag mit einem Konzert gefeiert.

Und ich hatte ja auch vor dem ersten November schon einige Worte gesammelt.

Einen Abschluss finden

Der größte Teil der Woche war noch Oktober, daher bestanden diese Tage vor allem daraus, Projekte abzuschließen. Ich habe ein Buch ausgelesen, ich habe noch mal ganz viel an meinem aktuellen Malen-nach-Zahlen gemalt (auch wenn ich es nicht ganz geschafft habe), ich habe so viel wie möglich für meine Freiberuflichkeit vorbereitet und die Wohnung geputzt – damit mich im November möglichst wenig vom Schreiben abhält. (Ja, ich weiß, Geschirr spülen und Wäsche waschen hält leider nicht für einen Monat vor.)

Und ich habe meinen NaNo vorbereitet. Der bei mir immer noch NaNo heißt, auch wenn der offizielle Verein sich aufgelöst hat und viele jetzt vom Viel-Schreiber-Monat sprechen. Aber NaNo passt so gut zu November und ist so gewohnt, ich will mich von den Skandalen, die es in den letzten Jahren gibt, nicht um diese positive Erfahrung bringen lassen. (Ohne kleinreden zu wollen (oder genau zu wissen tbh), was passiert ist.)

So viele Worte wie möglich

Traditionell war die Vorgabe ja, 50000 Worte im November zu schreiben. Da ich an drei zusammenhängenden Projekten parallel schreibe, bzw. mein Projekt aus drei Büchern besteht – und ich aktuell die nötige Zeit habe – habe ich mir 150000 als Wunsch gesetzt. Wenn ich das nicht schaffe, ist es kein Weltuntergang. Aber ich möchte wissen, ob ich es schaffen kann. (Und ich werde auch Blogbeiträge und Tagebuch schreiben zählen, denn schreiben ist schreiben und ich sollte andere Projekte ja nicht gleich vernachlässigen.)

Auf Instagram habe ich im Oktober schon erzählt, was ich gerade schreibe, für meine Patreon Unterstützer*innen wird es hin und wieder Textschnippsel aus dem Rohmanuskript geben. Die ersten 5000 Worte sind im Manuskript (nicht nur aus dem November) und ich freue mich riesig auf diese Schreibzeit.

Zweischneidige Schwerter schneiden

Da war es doch der perfekte Beginn, dass ich für den 01.11. gleich erstmal Konzertkarten hatte, oder nicht? Einmal alle Verspannungen austanzen, rausschütteln, und dann los!

Wir wollten Halestorm schon seit Jahren sehen, aber Corona hat uns tatsächlich drei Mal dazwischen gefunkt: Beim ersten Mal war Lockdown, als wir Karten hatten, und sie durften nicht kommen. Beim zweiten Mal hatte jemand aus der Band Corona. Und beim dritten Mal dann wir. Das vierte Mal hat endlich geklappt.

Weil ich ja schon gemerkt habe, dass die Therapien und die Medikamente dafür sorgen, dass meine Depression mich nicht mehr vor meinen Ängsten schützt, und ich mittlerweile wirklich schlimme Ängste in Menschenmengen habe, hatte ich vorher den Konzertveranstalter gefragt, ob ich in den Rollstuhlbereich dürfe. „Nicht ohne Attest, wir haben ja nur beschränkten Raum.“ Verstehe ich, aber ein Attest bekam ich nicht mehr auf die Schnelle. Also haben wir uns in einer Ecke einen Platz gesucht, wo wir zwar immer noch gut gucken konnten, aber es eigentlich keinen Grund geben sollte, dass sich laufend Menschen vorbei schieben.

Auf Konzerten habe ich mit drei Dingen Schwierigkeiten: Ich mag es nicht, wenn fremde Menschen in meinem Rücken stehen, ich mag es nicht, auf die Rücken von Menschen direkt vor mir zu gucken, und gar nicht kann ich es ertragen, wenn Menschen mich anrempeln.

Menschen machen es schwierig

Den ersten Punkt konnte ich abhaken, da wir direkt an einer Wand standen. Der zweite Punkt war nicht ganz so schlimm, solange vor mir etwa 30 cm frei waren und weil wir leicht erhöht standen. Es standen zwar vielleicht vier Reihen Menschen vor uns, aber zwischen denen konnten wir hindurch sehen.

Und da wir in einer Ecke standen, wo es nur zum abgesperrten Rollstuhlbereich ging, dachten wir, hier schiebt sich auch nicht dauernd wer vorbei.

Falsch gedacht. Viele haben von weitem nicht verstanden, dass der leere Bereich da vorne leer blieb, weil er eben nur für Rollstuhlfahrende reserviert war. Schon während der Vorband wurde ich drei oder vier Mal unsanft zur Seite gedrängt. Und auch 30 cm Raum zwischen mir und meinem Vordermenschen reichte einigen, um sich dazwischen zu schieben.

Auf der Suche nach dem am wenigsten unangenehmen Platz

In der Pause zwischen Vorband und Hauptband wurde es selbst meiner Frau zu viel, weil noch mehr Menschen in unsere Ecke drängten, also zog sie mich durch die Menge nach hinten. Spätestens da bekam dann ich Panik, die Tränen kamen sofort, die Arme schnellten zum Schutz vor das Gesicht und ich hatte Tunnelblick. Ohne meine Frau hätte ich gar nicht nach hinten gefunden, alle drängten zur Bar oder wieder zurück, es war gar nicht so voll, aber alle Menschen schienen in Bewegung.

Ganz hinten standen wir natürlich auch in einem Durchgang, vor mir waren hunderte Rücken, hinter mir auch Fremde und laufend lief jemensch vorbei. Viele schon sehr angetrunken und nicht mehr gerade gehend, ich im Panikblick auch nicht sehr aufmerksam. Es war schrecklich.

Gleichzeitig war ich unfassbar wütend auf die Menschen (größtenteils Männer), die der Meinung waren, sie dürften sich überall hindurchschieben. Diese Band, Halestorm, macht unglaublich viele Lieder über Angst und Schmerz und Trauer und geht auch in Interviews mit mental health sehr sensibel um. Das Publikum offensichtlich weniger.

Wir haben es nicht bis zum Ende durchgehalten. Und es schmerzt mich, denn Livemusik ist eines der wenigen Mittel, mit denen ich mich, meinen Schmerz und alles mal für eine Weile vergessen kann. Ich kann und will nicht ohne Livemusik leben. Aber so möchte ich sie auch nicht erleben.

Leergebrannt

Nach einem Konzert bin ich immer völlig fertig und leer. Die Endorphine – und ja, auch die Angst – kochen hoch und all diese Botenstoffe müssen erstmal wieder aufgebaut werden. Schlafmangel tut sein Übriges dazu.

Aber ich bin nach wie vor motiviert. Der November ist die Zeit, um zum Gremlin zu werden, hat letztens jemensch in meinem Schreibdiscord geschrieben. Natürlich müssen wir auf ausreichend Bewegung und frische Luft achten, damit unser Körper das durchhält, aber Sozialkontakte dürfen sich gerne mal auf Schreibtreffen beschränken. Für mein nächstes Konzert hole ich mir ein Attest, jetzt hole ich mir erstmal Worte.

Und wenn du dir ein Lektorat holen willst – auf alle im November geschlossenen Verträge gebe ich 10% NaNo-Rabatt!

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