Autorenleben · Schreibmenschen

Ich bin eine Lügner*in

Wasserfarbengemälde eines Stadtbilds bei Sonnenuntergang, mit einem hohen Turm und silhouettierenden Bäumen im Vordergrund.

Roswitha Böhm ruft auf dem Blog Gedankenteiler.de zur Blogparade „#EchteStimmen – KI-Generalverdacht“ auf. Da erscheint so ein Titel vielleicht paradox.

Aber ich gebe zu: Ich lüge.

  • Durch Gedächtnisschwäche, denn ich erinnere mich nur an wenige Details meines Lebens.
  • Durch Masken, weil ich die Wahrheit nicht zeigen will.
  • Durch Auslassung.
  • Durch Fiktionalisierung, wenn ich andere Personen in meinen Texten schützen will.
  • Durch die Fragmentierung meines Ichs. Oft habe ich schon das Gefühl, zu lügen, wenn ich „Ich“ sage.

Wir lügen, um uns selbst zu schützen oder um andere zu schützen, um etwas zu verbergen, besser da zu stehen, … es gibt tausend Gründe, um zu lügen, aber nur einen, die Wahrheit zu sagen: Dass es die Wahrheit ist.

Professionell sein

Meine Website soll Menschen unter anderem motivieren, mich zu buchen. Da wäre absolute Offenheit vielleicht auch unangemessen. Wer macht sich schon gern in der Öffentlichkeit nackig? Wer sieht schon gern öffentlich nackte Seelen?

Ich muss meine Interessen und Fähigkeiten ehrlich darstellen, damit ich nicht verspreche, was ich nicht halten kann. Aber all meine Fehler? Interessiert es meine Kund*innen wirklich, wie oft in meiner Küche ein Topf Schimmel angesetzt hat, bevor ich ihn abgewaschen habe (und wie sehr das Dank Spülmaschine zurückgegangen ist)? Es hat nichts mit meiner Arbeit zu tun und schreckt vielleicht trotzdem ab. Denn: „Wenn sier nicht schafft, einen Topf abzuwaschen, wie soll sier es dann schaffen, ein ganzes Manuskript zu lektorieren?“

Leicht, wirklich. Die beiden Tätigkeiten haben so gar nichts miteinander zu tun und wenn mir der Haushalt liegen bleibt, dann nicht, weil ich faul bin. Während einer depressiven Phase ist alles, was mit Wasser zu tun hat, gleich dreimal so schwer. Aber mein Pflichtgefühl schweigt niemals, so schlimm kann die Erschöpfung gar nicht sein. Und ich liebe das Lektorieren.

Blutige Details, Körperflüssigkeiten und Allgemeinplätze, Wiederholungen und Kitsch, das darf alles gerne verschwiegen werden. Aber echt soll der Text sein, niemals fake und vor allem nicht von KI erstellt.

KI-Verdacht

Für mich besteht die Gefahr von KI vor allem in den immensen versteckten Kosten für die Umwelt, ansonsten ist es ein Werkzeug wie andere auch, das zu Gutem und zu Schlechtem eingesetzt werden kann.

Ich selbst habe den von Roswitha Böhm angesprochenen KI-Generalverdacht noch nicht erlebt (oder gestellt). Vielleicht bin ich zu naiv, beschäftige mich nicht genug damit.

Oder es ist mir egal genug.

Ich denke manchmal zu wenig darüber nach, wie meine Texte auf andere wirken. So spreche ich hier offen über Depressionen und Versagensängste und wundere mich, dass ich keine Lektoratsaufträge bekomme – ein Zusammenhang? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Unsere Fehler machen uns aus

Gleichzeitig glaube ich aber, dass ich durch meine Erfahrung besonders geeignet für bestimmte Projekte bin, ich weiß, dass mich ein Auftrag mehr zum Aufstehen motiviert als ein Frühstück mit Freund*innen, ich will auch über meine Erkrankung aufklären. Also werde ich niemals schweigen.

Und dann gibt es Dinge, die ich Fremden zwar mitteilen würde, aber nicht will, dass Bekannte hier darüber stolpern. Deshalb werde ich nie explizit über meine Traumata schreiben.

Wie viel Wahrheit braucht ein Text, um echt zu sein? Ist nur KI eine Gefahr? Warum ist KI eine Gefahr, ein menschliches Lektorat aber nicht? Der kreative Input kommt immer noch vom Menschen, durch die Wahl der Prompts, durch die Entscheidung, welches KI-Output genutzt werden soll.

Werkzeugnutzung

Ich habe Workshop- und Kursankündigungen mit Hilfe von ChatGPT erstellt. Weil ich blockiert bin, wenn ich mich selbst verkaufen will. An meiner Dozent*innentätigkeit ändert das nichts, auch nicht an meiner Leidenschaft für das Schreiben und das Unterrichten.

Für Blogbeiträge habe ich noch nie KI verwendet (außer den KI-Assistenten vom Duden). Meine Texte sind und bleiben schlecht strukturiert, wirr wie meine Gedanken. Vielleicht hat daher bisher noch niemensch KI dahinter vermutet.

KI ist die Neuheit unserer Zeit. Aber Texte waren schon immer verdächtig. Eigenständiges Denken war schon immer gefährlich. Es ist immer einfacher, zu denken, Urheber der rebellischen Gedanken deines Kindes sei der schlechte Einfluss der Freund*innen oder ein Lehrer oder das Internet oder KI. Denn dann musst du dich nicht fragen, welche inneren Prozesse zu den Gedanken geführt haben.

Es ist einfach, die Ursache für die Qualität eines Textes in KI zu sehen, dann brauchst du der Autor*in nicht so viel zu zahlen, dich nicht zu fragen, warum du nicht so gute Texte schreiben kannst.

Und wie sollte mensch auch Herzblut angemessen vergüten?

Echtheitsversprechen

Ich verspreche, niemals die volle Wahrheit zu schreiben, nur durch Auslassung zu lügen und KI maximal die Wortwahl, aber niemals den Gedanken ändern zu lassen. Ich verspreche, schmerzlich mensch zu bleiben, auch wenn die Welt nur noch Maschinen will. Und vor allem verspreche ich, niemals wieder still zu sein.

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