
Am Ende des letzten Jahres habe ich eine neue Bekanntschaft gemacht, die sich diese Seite ansah und mich zu der Bedeutung von „metallstiftwunden“ befragte.
Und ganz ehrlich, ich konnte mich nicht erinnern.
Was vergessen wird, hat keine Bedeutung mehr?
Ich verwende diesen Künstler*innennamen/Markennamen/whatever schon so lange, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann. Das auf der Hauptseite zitierte Textfragment fand ich irgendwann auf meiner Schreibtischunterlage und fand es toll. Ich konnte mich nicht erinnern, es aufgeschrieben zu haben, deshalb weiß ich auch nicht mehr, ob es von mir ist oder ob ist es irgendwo herausgeschrieben habe.
Wenn es ein Zitat wäre, hätte ich vermutlich zumindest den Autor*innennamen dazu geschrieben. Aber wirklich, ich erinnere mich nicht.
Und dann habe ich mich daran gewöhnt. Ich finde das Zitat immer noch toll. Aber ganz ehrlich – was sind Metallstiftwunden eigentlich?
Wunden, die der Stift schlägt
Früher habe ich oft das Gefühl gehabt, dass ich mir mit meinen schwermütigen Texten nur selbst weh tue. Aber sie haben Gefühle ausgedrückt, die ich auch ohne die Texte empfunden hätte. Im Schreiben konnte ich die Gefühle lediglich ausleben, ohne sie zu verdrängen. Also hat der Stift mich nicht verletzt, er hat die Verletzung nur sichtbar gemacht.
Wunden, die der Stift beschreibt also. Hat er sie auch geheilt? Nein. Die Wunden sind geblieben, die Schmerzen kommen in Wellen. Aber mittlerweile schreibe ich über so viel mehr als über Schmerzen und Trauer. Es erscheint nicht mehr fair, dem Metallstift nur noch die Wunden zuzuschreiben.
Meine neue Bekannte – Freundin vielleicht – hat meine Seite auf dem Handy angeschaut und im Mobilmodus passt der Titel nicht vollständig auf den Bildschirm. Sie hat ganz automatisch „Metallstiftwunder“ gelesen.
Zeit heilt keine Wunder
Egal, ob der Stift Wunden sichtbar macht oder Träume, Wunder erzeugt er immer wieder. Besonders, wenn der Stift Wunden heilt. Und da es mir in all meinem Tun darum geht, dass Wunden heilen, ist es an der Zeit, mich in „Metallstiftwunder“ um zu benennen.
Dieses Jahr wird mein Jahr – habe ich schon etwa dreißig Mal gedacht. Aber dieses Jahr ist das Jahr, in dem mein Stift die Texte anderer „heilen“, sprich: lektorieren darf, in dem ich in Workshop und Kursen anderen dabei helfe, sich durch den Stift heilen zu lassen. Egal, ob ich damit super erfolgreich werde oder am Ende des Jahres eine Stelle an der Kasse annehmen muss – mein Jahr steht unter dem Zeichen der Heilung und der Stifte.
Warum eigentlich Metallstift?
Vermutlich habe ich zunächst an einen Kugelschreiber gedacht. Dabei bin ich Füllerschreiber*in. Aber auch wenn das Gehäuse meiner schönsten Füller aus Holz besteht, die Mine ist immer Metall. Sie kann Wunden reißen, sie kann schneiden, wenn sie soll. Sie kann wie ein Skalpell Selbstverständlichkeiten sezieren – gerade in meinen Zwanzigern habe ich mir große Mühe gegeben, der Gesellschaft Wunden zuzufügen.
Da meine Texte größtenteils unveröffentlicht blieben, hat sie das nicht gemerkt.
Jetzt habe ich auch die Dreißiger fast hinter mir und ich will heilen. Sei es also der Füller, der Kugelschreiber, der Bleistift – nutze ihn, entfessle seine Magie und seine Wunder und lass dich heilen. Denn nur wenn wir heilen, können wir aufhören, andere zu verletzen.
