Almost an Adult

Almost an Adult 26.10 bis 26.12

Figur, die davon fliegenden Ballons hinterher läuft

Es waren leise Wochen. Trauer macht leise. Wut macht laut. Und darum schreibe ich wieder.

Verschieden unter Gleichgesinnten

Beim Frauenstreik war ich noch zu erschöpft von Menschen, konnte nicht rausgehen. Zur ersten Prüfdemo in Sachsen-Anhalt am 14.03. war ich dann aber da. Denn die Demokratiefähigkeit von Parteien wird mensch doch wohl noch prüfen dürfen!

Ich bin der Wirksamkeit von Demos gegenüber skeptisch. Wen interessiert schon, wenn da ein paar oder auch viele (niemals genug) Weltverbesser*innen auf die Straße gehen? Politischen Druck üben sie erst aus, wenn Tausende auf die Straße gehen – und selbst dann werden sie viel zu oft ignoriert.

Aber auf eine Demo zu gehen, gibt mir dennoch Kraft: Es zeigt mir, ich bin nicht allein mit meiner Angst, ich bin nicht allein mit meiner Wut, da sind andere, die denken wie ich. Demos sind politische Selbsthilfegruppen: Ihr habt uns unsere Stimme genommen, indem ihr das eine versprecht und das andere tut? Schaut her, wir holen uns unsere Stimme zurück.

Laut sein. Jetzt.

Bis zur Landtagswahl im September ist gar nicht mehr so viel Zeit, vermutlich reicht es nicht, um die AfD von der Wahl ausschließen zu können. Die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Aber mit jeder Demo zeigen wir: Wir akzeptieren es nicht, unser Land einer Partei zu überlassen, die es kaputt machen will. Wir sind nicht die Minderheit. Auch deine Stimme zählt!

Nicht geschwiegen hat auch eine weitere von sexualisierter Gewalt im Internet betroffene Frau. Weil sie bekannt ist, haben wir alle davon gehört. Ich war zunächst wie gelähmt. Ich kannte sie nicht, ich kannte ihren Mann, ich hielt ihn für sympathisch. Ist er wohl nicht.

Aber die Angst darf nicht nach innen schreien, die Wut muss sich nach außen zeigen. Auch deshalb schreibe ich.

Ich habe erst nachträglich von der Demo am Sonntag in Berlin gehört, ich habe die wunderbare, bewegende, verstörende Rede von Luisa Neubauer online gehört. Wie so oft versuche ich, mir an ihr ein Beispiel zu nehmen. Ich habe nur eine geringe Reichweite, aber diese will ich nutzen.

Es geschieht so schnell

Ich habe endlich die vielfach ausgezeichnete Miniserie „Adolescence“ auf Netflix gesehen. Und sie zeigt uns, wie schnell es geht, dass ein sensibler, unsicherer Junge zum gewalttätigen Frauenhasser wird – ohne es selbst zu merken. Ein paar Mal zu wenig hingesehen, ein bisschen zu viel allein gelassen, schon rutscht ein Mensch in eine toxische Parallelwelt ab.

Und das nicht nur in der ohnehin schwierigen Zeit der Adoleszenz. Auch mit Erreichen der vollen Geschäftsfähigkeit ist ein Mensch nicht automatisch erwachsen. In uns allen steckt ein kleines Kind, ein unsicherer Teenager. Und der Populismus weiß, wie er diese anspricht.

Ich will den Tätern nicht vor den Opfern eine Plattform bieten. Aber ich will die Täter verstehen, damit weniger Jungs zu Tätern werden. Ich will die Opfer verstehen, um Mädchen zu stärken. Kein Opfer ist selbst schuld. Aber Misogynie nimmt auch bei Mädchen und Frauen zu. Viele Frauen und queere Menschen nehmen viel zu viel hin, weil sie es für normal halten.

Ich will das System verstehen, um das System zu ändern.

Schreiben hilft

In meinem kleinen Wirkungskreis, durch Schreibworkshops, durch Gespräche. Indem ich den digitalen Parallelwelten einen alternativen Gedanken in den Weg stelle, der sich nicht so leicht auflösen lässt. Indem ich mitfühle, wo andere wegschauen.

Ich bin erschöpft. Wer ist das nicht, die die Nachrichten mitbekommt und noch ein fühlendes Herz hat? Ich fühle mich aufgewühlt, überwältigt. Aber das ist die Ursuppe, aus der Leben entsteht.

Du musst noch Chaos in dir tragen, um einen lebendigen Stern zu gebären, frei nach Nietzsche.

Es geht immer weiter

Am Samstag ist erstmal die Leseflair Frühjahrslese in Braunschweig, im April startet meine kleine Onlineschreibgruppe wieder ein Schreibcamp, auch wenn es den NaNo gar nicht mehr gibt, ich werde tiefer in Allegórièn eintauchen. Nicht um zu fliehen, um zu verstehen. Ich werde lektorieren und mit Menschen schreiben, weil nur gemeinsame Worte uns heilen können.

Und sonst noch?

  • Habe ich mich von meiner Oma verabschiedet.
  • Ein Lektorat beendet: „Splitter“ von der wunderbaren Winnie Rabenstein. Da sie darüber spricht, darf ich es auch, und mache gern schon hier ein bisschen Werbung.
  • Ein neues Lektorat begonnen, eine wunderschöne Geschichte, die auch die Welt ändern will, in der wir leben. Aber ohne erhobenen Zeigefinger, nur durch zeigen. Es sind die leisen Töne, die am weitesten tragen.
  • Im Garten gearbeitet und die Sonne genossen.
  • Gelesen.
  • Geschrieben.
  • Gelebt.

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