
Mental health hört mensch mittlerweile allerorten, es ist richtiggehend ein Modebegriff geworden. Damit wird u.a. die Wichtigkeit der so genannten Work-Life-Balance betont (als wäre die Arbeit kein Teil des Lebens), Coaches wollen deine mental health steigern und Unternehmer*innen dir Nahrungsergänzungsmittel und Apps verkaufen.
Aber was ist mental health eigentlich? (Eine kurze Definition findest du hier.)
All vibes only
Auf jeden Fall bedeutet, mental, also geistig, gesund zu sein nicht immer glücklich zu sein. Alle Gefühle – auch mal die Fühllosigkeit und lähmende Langeweile – gehören zu einem gesunden Leben dazu. Gesundheit besteht in einem regelmäßigen Wechsel von Gefühlen, unter anderem, aber nicht ausschließlich, als angemessene Reaktion auf Erlebnisse. Du kennst es sicher, dass du manchmal einfach fröhlich oder traurig bist ohne erkennbaren Grund. Das ist normal. Aber fröhlich auf ein trauriges Ereignis zu reagieren oder ohne positive Gefühle auf die Erfüllung eines Lebenstraums wäre ein Warnzeichen.
Auch Verdrängung kann eine gesunde Reaktion sein. Während einer traumatischen Situation wie einem Autounfall solltest du nicht alles fühlen, was die Situation auslösen könnte, sonst kannst du nicht mehr handeln. Wenn du aber die Situation verlässt und deine Gefühle weiterhin verdrängst, steuerst du eventuell auf eine Erkrankung zu.
Komische Phasen zu haben ist aber vermutlich auch völlig normal. Sorgen solltest du dir erst machen, wenn deine Gefühle über einen längeren Zeitraum nicht mehr so sind, wie sie einmal waren.
Also Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit?
Auch die Selbstdiagnose/Ferndiagnose von psychischen Erkrankungen scheint gerade „in“ zu sein. Ich nehme mich da selbst gar nicht aus. Wenn mir Instagram mal wieder ein „wenn du xy erlebst, hast du vielleicht ADHS“ in die Timeline spielt, schaue ich auch genauer hin und erkenne mich allzu oft wieder. (Vielleicht habe ich auch ADHS als Teil meiner Traumafolgestörung, aber das ist an dieser Stelle zweitrangig.)
Aber Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit zu denken ist zu einfach. Viele Faktoren, die wir als Gesundheit zusammenfassen, spielen natürlich bei der Beurteilung von Krankheit eine Rolle. Konzentrationsfähigkeit z. B. ist eindeutig Teil psychischer Gesundheit. Aber ich kann eine psychische Erkrankung haben und mich dennoch gerade auf diesen Blogbeitrag konzentrieren. Ich kann mich nur vermutlich nicht so lange, nicht so häufig und nicht so verlässlich konzentrieren, wie ich es ohne Erkrankung könnte.
Gleichzeitig haben viele Menschen keine diagnostizierte oder diagnostizierbare Erkrankung und verhalten sich in manchen Situationen nicht gesund. Sie verbringen z. B. mehr Zeit am Handy, als ihnen lieb ist, streiten sich mit den Menschen, die ihnen am wichtigsten sind, konsumieren Suchtmittel oder gehen „Frustshoppen“.
Eine psychische Erkrankung beinhaltet, dass eine bestimmte Auffälligkeit über einen längeren Zeitraum besteht (wenn auch nicht zwangsläufig in jeder Minute davon). Unsere mentale Gesundheit können wir immer nur momentan und partiell einschätzen genauso wie die körperliche Gesundheit auch. Wenn ich körperlich krank bin, ist (in der Regel) der größte Teil meines Körpers dennoch funktionsfähig. Wenn ich mich als körperlich gesund bezeichne, kann ich trotzdem einen Kratzer am Knie haben.
Was ist dir wichtig?
Letztendlich ist es also – ein Stück weit – auch deine Entscheidung, was du unter mentaler Gesundheit für dich verstehst. Du hast kein Interesse daran, dicke Bücher zu lesen, also ist es dir egal, dass du dich nicht lange am Stück auf einen Text konzentrieren kannst? Super, du bist gesund. Du fühlst dich in Menschenmassen unwohl, aber hast auch gar keinen Grund, deine sicheren vier Wände zu verlassen? Warum nicht. Wenn du glücklich damit bist und niemanden verletzt, go for it.
Trotzdem möchte ich dich einladen, ein paar Verhaltensweisen zu hinterfragen, die vielleicht doch weniger gesund sind, als sie uns in unserer Gesellschaft verkauft werden.
Was das Stichwort ist: kaufen. Kaufst du Dinge, weil du sie brauchst oder weil das Kaufen dich glücklich macht? So lange du ausreichend Geld zur Verfügung hast, scheint ja erstmal nichts dagegen zu sprechen, sich glücklich zu kaufen. Das Problem ist, dass die meisten Produkte, gerade wenn sie billig sind, nicht gerade fair und nachhaltig produziert werden. Du brauchst sie und kannst dir nichts anderes leisten – fein. Du willst einfach nur glücklich sein? – Vielleicht gibt es dafür eine bessere Methode.
Darüber hinaus ist das Glücksgefühl durch Kaufen sehr kurzlebig. Schon am nächsten Tag ist dein schöner neuer Pulli alt, nach einmal spielen ist das Spiel langweilig, die Schokolade ist schnell gegessen. Hast du deinem Gehirn einmal beigebracht, dass es durch Kaufen ein Glücksgefühl erzeugen kann, musst du immer mehr kaufen. Und die allermeisten Geldbeutel sind irgendwann erschöpft, egal, wie groß sie sind.
Und auch Alkohol und Koffein sind, so beliebt sie in unserer Gesellschaft auch sind, Abkürzungen zum Glück, die schnell süchtig machen. Und dass eine Sucht nicht mehr in den Bereich Gesundheit fällt, da sind wir uns vermutlich alle einig.
Und was können wir da tun?
Im Grunde ist alles gut für deine mentale Gesundheit, was dir Spaß macht, oder? Jedenfalls hilft es nicht sehr, wenn es du dich jedes Mal dazu zwingen musst, dann ist eine bestimmte Methode vielleicht einfach nichts für dich. Aufpassen musst du vor allem, wenn eine Methode suchterzeugend ist (wie oben genannten) oder natürlich wenn sie andere Menschen verletzt. Am besten ist ohnehin eine Abwechslung verschiedener Methoden.
Als besonders wirkungsvoll haben sich in Studien vor allem Methoden entwickelt, bei denen du dich bewegst (am besten an der frischen Luft) oder kreativ betätigst. Gut erforscht ist die Wirkung von Tanzen (z. B. zur Vorbeugung von Demenz), Nordic Walking oder Joggen und Jonglieren. Jede Art von Sport hilft, auch ein „schlichter“ Spaziergang oder Bewegung zu Musik in der eigenen Wohnung. Und auch Kreativität hat viele Formen. Es muss nicht unbedingt (kann aber natürlich) das tolle Aquarellgemälde oder eine Steinskulptur sein, auch bewusstes Kochen kann eine kreative Tätigkeit sein.
Weil diese beiden Formen (Bewegung und Kreativität) besonders unterstützend sind, werden sie auch in Therapien psychischer Krankheiten eingebunden als Sport- bzw. Ergotherapie. Aber natürlich ist es besser, wir nutzen sie bereits, bevor wir eine Erkrankung ausgebildet haben. Das ist das Gleiche wie Physiotherapie für den Rücken – tut er schon weh, ist es schon (fast) zu spät.
Psychische Abwehrkräfte
Was genau wir stärken wollen, wenn wir psychischen Erkrankungen vorbeugend begegnen, ist die so genannte Resilienz (einen sehr ausführlichen Beitrag zum verschiedensten Ergebnissen der Resilienzforschung findest du bei Wikipedia.). Sie ist gewissermaßen das Immunsystem der Seele, sie bestimmt, wie gut wir mit Stress und unangenehmen Einflüssen umgehen. Denn niemensch von uns ist in der Lage, Unglück vollständig aus dem Weg zu gehen. Die Frage ist, wie wir mit dem Unglück, das uns begegnet, umgehen, ob wir liegen bleiben oder wieder aufstehen.
Bei einem Workshop im August habe ich folgende sieben Säulen der Resilienz zum ersten Mal kennengelernt:
- Akzeptanz des Ist-Zustandes, vor allem dessen, was nicht geändert werden kann
- Ein optimistischer Blick in die Zukunft
- (enge) Bindungen (und sei es „nur“ die Katze)
- Verantwortung für sein*ihr Handeln und Leben zu übernehmen
- Die Opferrolle zu verlassen
- Lösungsorientierte Ziele zu haben (also Ziele, die tatsächlich erreichbar sind)
- Und eine positive Zukunftsplanung
Offensichtlich stehen manche der Säulen näher beieinander als andere. Die Opferrolle zu verlassen heißt, nicht mehr anderen die vollständige Verantwortung für die eigene Situation zu geben. Also: Verantwortung für sein*ihr Handeln und Leben zu übernehmen. Eine positive Zukunftsplanung enthält umsetzbare Ziele, ist aber ohne einen optimistischen Blick in die Zukunft schwierig. Akzeptanz des Ist-Zustandes ist vielleicht die schwerste Aufgabe überhaupt.
Wo fängt mensch an?
Aber auch wenn manche Säulen enger miteinander zusammen hängen als andere, ist keine von ihnen losgelöst. Auch ist keine von ihnen ein klarer Anfang, alle beeinflussen sich gegenseitig.
Bist du zum Beispiel noch komplett in der Opferrolle verankert, schimpfst du vermutlich auf Gott und die Welt (keine Akzeptanz). Du lässt dich treiben (keine Verantwortung), weil du der Meinung bist, ohnehin nichts ändern zu können (kein Optimismus), und Zukunftspläne machst du erst recht nicht. Du hast aber auch keine engen Bindungen, denn, ganz ehrlich, du bist gerade nicht leicht auszuhalten. Und wozu lösungsorientierte Ziele, wenn du ja doch nichts kannst? (Diese ganze Beschreibung klingt ziemlich böse, aber glaube mir, ich kenne diesen Zustand sehr gut.)
Du könntest jetzt damit anfangen, zu sagen: “Okay, mein Weg bis hier her war scheiße, aber das kann ich nicht mehr ändern (Akzeptanz. Es zu sagen, heißt nicht, es zu glauben, macht aber dennoch einen großen Unterschied!). Was ich aber ändern kann, ist, wohin ich ab hier gehe, also mache ich einen Schreibkurs (nur ein Beispiel 😉) (Verantwortung)”. Du gehst ins Internet, findest einen Kurs, meldest dich an, hast in der Zukunft das Ziel, da hin zu gehen (lösungsorientiertes Ziel). In dem Kurs triffst du auf andere Menschen. Vermutlich entstehen nicht gleich enge Bindungen, aber erste Begegnungen sind besser als nichts. Du machst hoffentlich eine positive Erfahrung, die dir hilft, in Zukunft optimistischer zu sein. Und wenn du das nächste Mal die Opferrolle verlassen musst, wird es ein wenig einfacher sein.
Das Ganze ist leider nicht mit einem Schritt getan. Es ist ein Prozess, alle Säulen werden nur nach und nach wieder wachsen, wenn sie durch negative Erfahrungen zerstört wurden oder gar nicht erst wachsen durften. Aber ohne dass du anfängst, passiert nichts.
Was machst du?
Wie gesagt, ich kenne die Opferrolle. Ich habe nicht nur ein Bett dort, sondern ein ganzes Haus. Wenn ich mich dabei ertappe, in sie zurück zu fallen, strecke ich mich, atme ein paar Mal tief durch und setze mich dann an die Staffelei. Oder ich gehe eine Runde spazieren. Oder ich umarme meine Frau oder die Nachbarskatze, die gerne bei uns abhängt. Auch Tagebuch schreiben hilft mir sehr.
Was ich nicht mehr mache (nach Möglichkeit), ist, mir im Fernsehen oder bei Social Media die Leben anderer anzugucken. Das reißt mich nur tiefer rein.
Wenn du uns erzählen willst, wie du dein emotionales Immunsystem stärkst, schreib doch einen Beitrag zu meiner Blogparade!
(Dieser Artikel beruht hauptsächlich auf eigener Erfahrung und auf jahrelanger Lektüre von Zeitschriften wie “Gehirn&Geist” und “Psychologie heute”. Verzeih daher, dass ich euch keine lange Quellenliste mitliefere. Wenn du Spaß an wissenschaftlicher Arbeit hast, können wir aber gerne zusammen etwas erarbeiten. Hinterlasse mir einfach einen Kommentar oder schreibe mir eine Mail.)

Ein Kommentar zu „Deine (mentale) Gesundheit ist das Wichtigste, oder?“