
Jemensch sagte zu mir, ich solle aus meinem Schneckenhaus herauskommen. Ich bin mir sicher, er meinte das nicht böse, aber es tat dennoch weh.
Anlass war, dass ich bei einer Vernissage war, die ziemlich gut besucht war. Natürlich super für den Ausstellenden und die Galerie, blöd für mich, denn schon um reinzugehen brauchte ich sehr viel Kraft. Und in dem kleinen Raum konnte ich mich kaum auf die Kunst konzentrieren, weil ich dauernd angerempelt wurde und vor Anspannung keine Luft bekam.
Ich will zu diesen Vernissagen gehen, einerseits wegen der Kunst, andererseits weil sie gute Gelegenheiten sind, das Unter-Menschen-sein in angenehmer Crowd zu üben. Niemensch ist dort kritisch zu mir gewesen, aber sie sind Menschen, also potentielle Gewalttäter*innen. So mein Gehirn.
kPTBS lässt grüßen
Wenn Menschen meine Geschichte nicht kennen, halten sie mich vermutlich für introvertiert und schüchtern. Vielleicht bin ich auch introvertiert, schließlich muss ich mich von menschlichem Kontakt immer lange erholen und bin gerne allein. Aber die ganze Zeit Angst zu haben, Mimik und Körperhaltung aller Anwesenden und alle Türen im Blick zu behalten, um sofort reagieren zu können, wenn Gefahr droht, ist fucking anstrengend!
Ich habe kürzlich ein Reel gesehen, dass uns Traumaüberlebenden als perfekt vorbereitet für eine Zombie-Apokalypse beschreibt. Ich musste so sehr lachen, denn ja: Manchmal wünsche ich mir, dass etwas Schlimmes passiert. Denn dann weiß ich, wie ich handeln muss, dafür habe ich mein Leben lang trainiert, wenn auch meistens nur in meinem Kopf. Du wärst froh, in meiner Nähe zu sein, ich wüsste, wo der Fluchtweg ist, erkenne, wer ein Feind ist, erinnere die guten Wasserstellen.
Aber vermutlich gibt es keine Zombie-Apokalypse, vermutlich muss ich weiterhin in einer Gesellschaft funktionieren, in der soziale Beziehungen wichtig sind. Und ich will ja auch soziale Beziehungen. Wenn sie nur nicht so schwer wären …
Voller Arbeitsplan
Ich habe immer noch viel zu tun und genieße es sehr. Mein langes Lektorat ist im 2. Durchlauf beinahe durch, dann bekommt der Autor erstmal Zeit, es auf Basis meiner Anmerkungen zu überarbeiten und ich werde mich einem anderen Projekt widmen. Außerdem ist bald November und du weißt, was das heißt – Schreibzeit!
Es geht mir gut, ich habe Energie, das fühlt sich beinahe falsch an. So habe ich mich lange nicht gefühlt.
Täglicher Schmerz
Dabei waren die letzten Wochen beileibe nicht einfach. Ich habe nach wie vor Schmerzen in meinem rechten Handgelenk, das ich mir vor beinahe vier Jahren gebrochen hatte. Deshalb war ich jetzt noch einmal zur Untersuchung in der Klinik: Ich habe bereits Arthrose im Gelenk.
Dass wir alle irgendwann Arthrose bekommen, auch unabhängig eines Bruchs, war mir irgendwie schon bewusst. Aber ich fühle mich eindeutig zu jung dafür! Es erklärt die Schmerzen, vielleicht erkennt die Unfallversicherung eine Erwerbsminderung an, und ich weiß jetzt, wie ich damit umgehen muss. Aber es geht nicht wieder weg. Dieser Gedanke ist sehr schmerzhaft.
Die psychischen Schmerzen sind auch nicht weg, ich habe beinahe permanent einen subtilen Flashback, ein unangenehmes Gefühl im Bauch. Mein Darm reagiert, mein Körper fühlt sich schwach und ich stürze mich lieber in Aktivität, als darüber nachzudenken. Muss doch schließlich weiter gehen! Ich habe Arbeit! Aber wie lange ich das so durchhalten kann, weiß ich nicht.
Verwählt
Sachsen-Anhalt hat einen Mann zum Landtagspräsidenten gewählt, der in einer als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei ist. Ich saß mit vielen anderen vor dem Landtag, habe Redebeiträge gehört und zu politischer Musik mitgegröhlt. Als das Wahlergebnis bekannt gemacht wurde, rief der Adenauer-Bus mit Sirenengeheul und Rauch Faschismusgefahr aus. Es war gruselig. Und wir sollten uns gruseln. Wir dürfen die Augen nicht vor der Gefahr verschließen, nur weil es einfacher ist.
Die Stimmanzahl war höher, als AfD und BSW zusammen erreichen konnten, weshalb der Verdacht nahe lag, dass Rausch auch Stimmen aus der CDU bekommen hat. Einige Tage später hörte ich im Radio, dass sie bei der Wahl des Ministerpräsidenten geschlossen aus dem Raum gehen wollen.
Das würde am Wahlergebnis nichts ändern. Ohne Kontrastimmen aus der CDU ist der Ausgang der Wahl unausweichlich. Aber Hauptsache, der CDU kann niemensch unterstellen, die AfD unterstützt zu haben.
Schon während ich dies schreibe, möchte ich am liebsten wieder schreien. Die AfD hat keine absolute Mehrheit, wenn die demokratischen Parteien sich zusammenreißen könnten und trotz aller Unterschiede geschlossen für die Demokratie kämpfen würden, könnte sie nicht regieren. Aber dass das passiert, ist wohl nicht zu erwarten.
Noch spielt das Wahlergebnis in meinem Alltag keine Rolle, ich habe es noch leicht, es an sechs von sieben Tagen zu vergessen. Aber das ist ein großes Privileg, ich bin weiß. Ich habe einen deutschen Pass, ich werde nicht auf den ersten Blick als queer gelesen. Das ist kein Grund, mich sicher zu fühlen.
Preptober
Der Oktober dient, wie die meisten Schreibenden wissen, der Vorbereitung eines Romanprojekts, dass dann im November umgesetzt wird. Ich habe dazu mal wieder einen Kurs beim Bookerfly-Club gebucht, der mich mit (nicht immer neuen, aber immer hilfreichen) Handwerkstipps, einer begeisterten Community und Motivation versorgt.
Der Preptober ist der Grund, warum ich im Moment fast jeden Morgen gut aus dem Bett komme. Ich starte meinen Tag mit einer Stunde Romanplanung, dann kommt eine halbe Stunde bis Stunde schreiben an meinem aktuellen Projekt (dem Reisebericht), erst dann startet der Tag wirklich. Und das tut mir gut. Es ist Arbeit, die mir Energie gibt, anstatt sie mir zu rauben. Arbeit, die ich mir sogar für vierzig Stunden in der Woche vorstellen kann – trotz aller Schmerzen, mit denen ich herumlaufe.
Warum bezahlt mir diese Arbeit niemensch?
Aber ich kann nicht klagen, auch mit dem Lektorat beschäftige ich mich wirklich gerne, jedenfalls wenn ich so tolle Projekte habe wie im Moment. Wenn ich Ende der Woche das Lektorat beendet haben werde, geht es nach Berlin zur familiären, kleinen BuchBerlin, die ich schon zum dritten Mal und immer wieder gerne besuche. Dafür, dass es eine Massenveranstaltung in einer Messehalle ist, ist sie überschaubar und gemütlich, die Menschen sind entspannt und freundlich, die Aufmachung nicht allzu überladen. Ich werde überreizt sein, aber das nehme ich gern in Kauf.
Diese Woche startet verspätet mein Kurs „Queerfeministisches Schreiben“ in etwas abgewandelter Form, ich bin sehr gespannt, was für Menschen sich dazu angemeldet haben und wie die Gruppe sich entwickeln wird. Am Donnerstag treffe ich dann eine Person, die ich über ihren Beruf ausquetschen darf, als Recherche für meinen Roman.
Ich habe viel vor und die Freude überwiegt die Angst. Eine ganz ungewohnte Erfahrung
Und sonst noch?
- Die Nachbarskatzen, die urlaubsbedingt mal wieder von uns versorgt wurden und herbstbedingt nicht ganz so viel draußen sind wie gewohnt, strukturieren meinen Tag. Es ist toll, in den Bildschirmpausen das Gesicht im Fell einer schlafenden Katze zu vergraben.
- Ich habe eine Ausschreibung gefunden, bei der meine Sammlung „Wo gehobelt wird …“ wirklich gut aufgehoben wäre. Vielleicht darf ich sie ja nächstes Jahr noch einmal zeigen.
- Finanziell hänge ich zwischen KSK und Krankenkasse: Ich müsste meine Beiträge zur KSK bereits gezahlt haben, aber das kann ich erst, wenn ich die vorsorglich an die KK gezahlten Beiträge erstattet bekommen habe, was noch nicht der Fall ist. Das fühlt sich doof an.
- Emotional hänge ich zwischen Schreibeuphorie und altem Schmerz. Das ist vor allem verwirrend.
Was sind deine Herbstpläne?
