Autorenleben · Schreibmenschen

Ich bin ein Kaleidoskop – und das ist gut so (2)

rote Zeichen auf weißem Grund, eher abstrakt

Ich habe viele Fächer in einem studiert. Wenn ich jemenschen sage, ich habe „Philosophie-Neurowissenschaften-Kognition“ studiert, erhalte ich meist eine Mischung aus Bewunderung und Verwirrung.

Was heißt das eigentlich?

Der Name das Studiums klingt, als wäre es ziemlich komplex, und das war es auch. Was „Kognition“ heißt, musste ich selbst auch recherchieren. Gerne habe ich dann spezifiziert, dass ich alles um das Gehirn gelernt habe, wie es aufgebaut ist, wie es funktioniert, und was der Geist ist – oder sein könnte. Denn darüber streiten Philosoph*innen seit Jahrhunderten.

Tatsächlich war das Studium ein Mix aus ganz vielen verschiedenen Fächern. Wir waren eine kleine Gruppe, Lehrveranstaltungen allein für uns gab es kaum. Dafür haben wir Lehrveranstaltungen in der Psychologie besucht, in der Medizin, der Biologie und Informatik. Und natürlich Philosophie – das waren immerhin 60% des Studienumfangs.

Eine für alle

Philosophie ist eine so genannte Meta-Wissenschaft. Anders als andere Wissenschaften arbeitet sie nicht (vorwiegend) durch Versuche und Experimente, sondern durch Nachdenken, und aus ihr sind historisch alle anderen Wissenschaften hervorgegangen. Die Philosophie befasst sich mit der ganzen Welt – und damit mit allen anderen Wissenschaften auch. Eine Physik der Psychologie ist schwer vorstellbar – wie sollte mensch physikalisch psychologische Vorgänge untersuchen?

Dagegen fragt die Philosophie der Physik danach, was die Physik überhaupt ist, was sie erkennen kann und mit welchen Methoden sie Erkenntnis schafft. Analog die Philosophie der Psychologie, der Mathematik, der Medizin …

Wer Philosophie studiert, kann also alles studieren. Ich habe Ausflüge in die Mathematik, Quantenphysik, Linguistik, Juristerei und Soziologie unternommen.

Argumente prüfen und hinterfragen

Was aller Philosophie gemein ist, ist, dass sie immer auf der Suche nach dem besten Begriff und dem besten Argument ist. Ein Argument funktioniert ähnlich wie ein Plot. Wenn bestimmte Informationen fehlen, bricht das Ergebnis am Ende zusammen. So hat mich schon das Studium darin geschult, Geschichten auf ihre Schlüssigkeit zu prüfen, wie ich das im Logikstudium mit Argumenten gemacht habe. Außerdem hat mich die Beschäftigung mit Sprachphilosophie gelehrt, dass die Bedeutung von Sprache ihr Gebrauch ist. Auch wenn das Gendersternchen neu und für viele ungewohnt ist, wenn wir es als Ausdruck der Inklusion aller Geschlechter verwenden, dann bedeutet es das auch. Und nur weil ich einen Begriff noch nie in dem Zusammenhang gehört habe, in dem du ihn in deiner Geschichte verwendest, heißt das nicht, dass er falsch ist – ich kann nur aufzeigen, dass Lesende über diesen Begriff stolpern könnten. Ob du ihn änderst oder nicht, bleibt deine Entscheidung.

Auf der Suche nach dem bestmöglichen Leben

Philosophie ist (meiner Ansicht nach) aber immer auch Ethik, also die Lehre vom guten Leben. All unsere schlüssigen Argumente und unsere klaren Begriffe sind wertlos, wenn wir damit eine Welt schaffen, in der Menschen leiden. Deshalb werde ich im Lektorat immer auch darauf achten, ob dein Text (bewusst oder zumeist unbewusst) Menschen verletzt.

Es gibt nicht nur eine Wahrheit über das gute Leben, auch das habe ich gelernt. Ein weißer Mann mit stabilem Einkommen und guter Gesundheit sieht die Welt ganz anders als ich mit weiblichem Körper, Genderdysphorie und chronischer Krankheit. Und eine Person mit einer anderen Hautfarbe sieht die Welt noch einmal anders.

Mein Hauptaugenmerk im Sensitivity Reading, das in jedem meiner Lektorate enthalten ist, aber auch einzeln gebucht werden kann, ist somit auf Grund meiner Erfahrung der Umgang mit psychischer Krankheit und Queerness in deinem Text. Hast du mit einem von beiden oder beidem keine eigene Erfahrung, möchtest aber mit deinen Texten Repräsentation schaffen (dann schon mal danke dafür!), dann helfe ich dir dabei, möglichst niemenschen zu stigmatisieren oder zu verletzen.

Jede* denkt anders

Die Philosophie ist – wie ich sie verstehe – ein Fest der Diversität. Ich habe mal einen Witz gehört, dass Mathematiker für ihre Arbeit nur einen Bleistift, Papier und einen Papierkorb benötigten, Philosophen sogar nur einen Bleistift und Papier. Weil sie niemals eine Idee endgültig verwerfen.

Darüber kann mensch spötteln – schließlich wirkt es so, als könne es in der Philosophie niemals einen Fortschritt geben. Ich sehe darin jedoch einen Vorteil. Auch wenn wir die im antiken Griechenland verbreitete Meinung, Frauen könnten nicht rational denken, verworfen haben bzw. verwerfen sollten (leider gibt es ja immer noch Anhänger dieser Meinung), können wir dennoch aus Texten von Platon und Aristoteles etwas lernen. Wir konfrontieren uns bewusst mit Meinungen, die wir nicht vertreten, und schärfen daran unsere Argumente.

Was hast du nun davon?

Ich habe gelernt, mich schnell in neue Wissensgebiete (und was sind Buchwelten anderes?) einzuarbeiten und mich auf andere Denkweisen einzulassen. Wenn es nötig ist, weiß ich, wie und wo ich recherchieren kann, und ich kann Nachfragen präzise stellen, sodass die Missverständnisse im vorwiegend digitalen Dialog gering bleiben.

Schreibe mir einfach eine Mail und erzähle mir von deinem Projekt und ich helfe dir, deinen Plot klar wie ein formal logisches Argument aufzuschreiben!

Ein Kommentar zu „Ich bin ein Kaleidoskop – und das ist gut so (2)

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