
Obwohl – oder gerade weil – Soloselbstständige die meiste Zeit des Tages für sich allein arbeiten, ist Vernetzung wichtig. Deshalb habe ich diese Woche den Gründer*innenstammtisch im Innovations- und Gründerzentrum Magdeburg besucht.
Das Rad nicht neu erfinden
Aus irgendeinem Grund habe ich immer das Gefühl, dass ich mir aus Prinzip alles selbst erarbeiten muss – vielleicht halte ich mich für so besonders, dass noch niemensch vorher in meiner Situation gewesen sein kann, vielleicht bin ich auch zu faul für Recherche. Deshalb habe ich – außer im Verband freier Lektorinnen und Lektoren – bisher gar nicht wirklich nach Hilfe zur Existenzgründung gesucht.
Am vergangenen Dienstag habe ich dann im privaten Rahmen die neue Partnerin eines engen Freundes kennengelernt, die selbst erst seit kurzer Zeit selbstständig ist. Und sie lud mich zu dem Gründer*innenstammtisch am Donnerstag ein.
Wider aller Erwartungen
Obwohl ich kein besonders spontaner Mensch und aktuell nicht in der abenteuerlustigsten Stimmung bin und Gruppen generell eher meide, bin ich hingefahren. Auf Grund meiner Ängste war das eine ziemliche Herausforderung, die sich noch verstärkte, als Menschen darauf bestanden, einander die Hände zu schütteln – warum haben wir damit nach der Pandemie überhaupt wieder angefangen?
Ich mag Umarmungen, echte Umarmungen, sie geben mir Kraft und Wärme und ich spüre ein beinahe körperliches Verlangen danach. (Natürlich nicht von jedem Menschen, sondern von engen Freund*innen.) Aber ein Handschlag? Wofür ist der gut?
Als ich meine Hand beim x-ten Menschen verweigert habe, begann die Diskussion: „Das ist aber höflich!“, „Das ist aber soziale Konvention!“
„Das ist aber gegen all meine Instinkte!“ Hände schütteln ist für einen Menschen mit traumatisch bedingter Angststörung schon unangenehm, wie unangenehm ist dann erst eine öffentliche Diskussion mit wildfremden Menschen! Männern, by the way. Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass alle Frauen einfühlsamer gewesen wären als diese beiden Männer und diese beiden waren sicher auch nicht repräsentativ für alle Personen männlichen Geschlechts. Aber dennoch.
Vielleicht war es meine stärkste Leistung an diesem Abend, trotzdem auf meiner Meinung zu beharren.
Stolz auf mich
Der eine von beiden hat mir statt dessen auf die Schulter geklopft und meinen Rücken getätschelt. Was an „Ich will nicht von Fremden berührt werden“ hast du nicht verstanden? Wir brauchen offensichtlich noch viel mehr Aufklärung und noch viel mehr Offenheit derer, die ein Problem mit den Selbstverständlichkeiten unserer Kultur haben. Auch darum schreibe ich diese Beiträge (auch wenn es nicht an uns sein sollte, uns erklären zu müssen).
Vielleicht wäre ich in der Situation, die ich als enorm übergriffig empfand, berechtigt gewesen, seine Hand wegzuschlagen. Ich habe es nicht getan, wer weiß, ob ich nicht noch mal seine Hilfe gebrauchen kann, mensch will ja keine verbrannte Erde. Aber dennoch.
Das war der Rahmen des Stammtisches. Hauptinhalt des Stammtisches war ein Vortrag über Resilienz in der Selbstständigkeit, der sehr gut war, mir aber nicht wirklich viel Neues vermittelt hat, einfach weil ich das Thema schon von diversen Seiten betrachtet habe.
Mehrwert in allem
Aber trotzdem bin ich froh, dass ich da gewesen bin. Trotz diesem allen. Einer der Punkte, die ein anderer Gründer auf die Frage „Was stärkt eure Resilienz?“ antwortete, war, einen Mehrwert in allem zu sehen, auch wenn vermeintlich die negativen Aspekte überwiegen. Sein Beispiel war, dass er beruflich immer sehr viel Auto fahren muss, was ihn eigentlich nervt. Aber da hat er endlich mal Zeit, Hörbuch zu hören.
Ich bin nicht sehr gut darin, diesen Mehrwert zu finden, das liegt wohl an meiner depressiven Grundstimmung. Aber dieses Mal ist es mir gelungen.
Ja, der Vortrag war vor allem eine anders formulierte Wiederholung für mich, aber Wiederholung ist bekanntlich die Grundlage der Pädagogik. Ja, die Gruppensituation war sehr stressig für mich, aber dadurch habe ich geübt, mich ihr zu stellen. Schließlich will ich ja nicht den Rest meines Lebens zu zweit allein in unserer Wohnung verbringen – auch wenn es manchmal verlockend ist.
Und wer weiß, wofür die neuen Kontakte noch gut sind.
This enby is on fire
Mit meinem Gehirn scheint es jedenfalls eine Menge getan zu haben. Ich war bei einem Gründer*innenstammtisch, mit lauter anderen Menschen, die sich gerade selbstständig gemacht haben oder noch dabei sind. Ich habe mich als Gründer*in ernst genommen.
Und schon produziert mein Chaoskopf am laufenden Band Ideen. Ich habe seit Donnerstag bereits fünf neue Workshopkonzepte entwickelt und einige eingeschlafene Kontakte wieder aufgefrischt, auch wenn mir das unangenehm ist. Ich habe mir eine Liste geschrieben, mit wem in der Stadt ich zusammenarbeiten könnte, und arbeite sie kontinuierlich ab, eine E-Mail am Tag.
Ich kann es gar nicht erwarten, endlich damit anzufangen, wieder Schreiben zu unterrichten, wieder zu lektorieren.
Es ist noch November
Geschrieben habe ich natürlich auch eine Menge, etwa 10k in einer Woche. Nicht so viel wie in der Woche davor, aber mehr als in jedem anderen Monat. Ich weiß nicht, was es am November ist, dass ich mich mehr zum Schreiben motivieren kann, aber es wirkt.
Jetzt werde ich natürlich einen Teil meiner aktuellen Motivation in den Abschluss des NaNos stecken, die 50k habe ich schon fast erreicht und nach 60-65k werde ich ein „ENDE“ unter diesen Band setzen können. Und mit dem Rest werde ich an meiner Internetpräsenz arbeiten, damit ich wirklich gefunden werden kann und 2026 mein Jahr wird. Ich habe so viele Ideen, ihr dürft gespannt sein!
Leider bin ich mal wieder etwas angeschnupft und muss auf meine Energie achten. Aber Ingwertee kann ich auch am Schreibtisch trinken, an den Füßen die Heizdecke und auf dem anderen Schreibtisch die Katze 😊
