Workshops Kreatives Schreiben

Fabel: Du hast doch ne Schraube locker!

In irgendeiner Zeit in einer Stadt wie Magdeburg. Oder ganz woanders.

Seit über einem halben Jahr wohnte die Frau, von der die Rede ist, jetzt in ihrer neuen Wohnung und war sehr zufrieden. Ihr altes, verrostetes und oben drein viel zu kleines Fahrrad dagegen stand Abend für Abend neben den blitzenden Hightechrädern der Nachbarn im Keller.

Manchmal spotteten die anderen Fahrräder über das Kleine. „Du bist ja so rostig an den Gelenken. Hat man dich etwa im Regen stehen lassen?“

„Und wie winzig deine Räder sind, du kannt bestimmt nur schleichen. Und dann erst die Gangschaltung!“

„Bestimmt hast du auch noch ne Schraube locker!“

Eine Zeitlang hörte das Fahrrad sich das einfach nur traurig an, ohne zu widersprechen. Es erfüllte seine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen, doch jeden Tag wurde es ihm schwerer um die Bremse. Eines Nachmittags, als die beiden gerade außer Atem von der Arbeit nach Hause kamen, sprach das Rad die Frau an:

„Ich bin viel zu klein, alt und kaputt. Ich schäme mich so, wenn ich zwischen all den anderen Fahrrädern stehe.“

Aber die Frau lächelte. „Ist dir aufgefallen, dass ich für dich immer einen Stellplatz zwischen den anderen Fahrrädern finde? Dein Lenker ist so niedrig, dass du ohne Anzuecken zwischen den anderen Rädern stehen kannst. Wenn du nicht genauso wärest, wie du bist, würde ich auf diesem kleinen Hof nie Platz für dich finden. Und schneller fahren, als ich es auf dir kann, sollte ich in der Stadt ohnehin nicht.“

Wir alle haben Eigenschaften, die wir an uns nicht mögen und über die manche spotten würden. Doch gerade diese Eigenschaften machen uns für jemanden zu dem perfekten Begleiter, zu einander passend wie Schraube und Mutter. Deshalb sollten wir uns und andere nehmen, wie wir sind, und mit einem Lächeln in jede Gruppe gehen.

2 Kommentare zu „Fabel: Du hast doch ne Schraube locker!

  1. Ach ja, waren es nicht gerade diese Eigenschaften, die in einer amüsanten Mischung unsere Einzigartigkeit ausmachen? Und ist es nicht diese Einzigartigkeit, welche die unbeschreibliche Liebe der Schraube zu ihrer Mutter ausmacht … Und nur diese einzigartigen Rillen auf jeder Seite verbinden uns und geben uns Halt…

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