
Die Ferien waren eher produktiv als erholsam. Ich hatte Urlaub von meinem Brotberuf (die meiste Zeit), aber doch nicht von allem anderen. Also habe ich die Wohnung geputzt, Gemüsepflanzen vorgezogen, Komposte umgesetzt, Hochbeete entkrautet und gedüngt, Berge von Wäsche gewaschen.
Kundenakquise für das Lektorat betrieben. Gedichte überarbeitet.
Nicht an meinem Roman weitergeschrieben. Immer noch nicht.
Ich bin kein großer Fan des Reisens, vor allem auf Grund der negativen Effekte für das Klima. Aber als meine Frau und ich Ostersamstag zu meinen Eltern gefahren sind, konnte ich doch verstehen, warum so viele Leute sagen, sie könnten zu Hause nicht abschalten. In den eigenen vier Wänden gibt es halt immer unabgeschlossene Projekte, die die Kraft rauben können. (Ich glaube trotzdem nicht, dass Reisen die Lösung ist, aber das ist ein anderes Thema.)
Driving Home for Easter
Zu meinen Eltern zu fahren, ist immer ein wenig seltsam, seit ich mit der Traumatherapie angefangen habe. Meine Eltern sind wirklich gute Eltern für erwachsene Kinder. Sie sind auch wirklich gute Großeltern. Aber in der Therapie graben wir all die Momente wieder aus, in denen sie keine guten Eltern für mich sein konnten, aus verschiedensten Gründen. Und da ich diese Gründe verstehe, kann ich ihnen nicht wirklich böse sein. Auch wenn ich die Wut dringend benötigen würde, um mich zu stärken.
Also – es ist seltsam. Ich genieße die Ruhe, die ich in dem Haus finde, in dem ich aufgewachsen bin, daher störe ich sie nicht durch Gespräche über früher.
An diesem Wochenende ist dabei etwas Merkwürdiges passiert. Auf einmal erschienen mir die Zimmer und auch die Orte draußen, die ich so in und auswendig kenne, kleiner als früher. Ich habe davon gehört, dass so etwas passiert, wenn mensch als Erwachsene an einen Ort zurückkehrt, an dem mensch nur als Kind war. Aber ich war Weihnachten das letzte Mal bei meinen Eltern gewesen. Offensichtlich bin ich seit Weihnachten nicht gewachsen.
Zuhause entwachsen
Aber seit Weihnachten habe ich ein Trauma meiner frühen Kindheit wieder erinnert, mit einem inneren Dämon gerungen, mich ganz viel mit meinem inneren Kind beschäftigt. Und anscheinend bin ich dabei im Innen erwachsener geworden. (Auch wenn ich mich immer noch meistens wie dreizehn fühle.)
Wir waren beim Osterfeuer, wo ich mich früher so oft so furchtbar verloren gefühlt habe, weil ich keine besonders gute Beziehung zur Dorfjugend hatte. Ich war immer die, die an den Erwachsenen klebte, um nicht ganz allein herumzustehen. Aber jetzt bin ich auch eine Erwachsene, ich konnte mich entspannt umsehen, beobachten, wie sich alle verändert haben, wer mittlerweile wie viele Kinder hat oder einen Bierbauch, und dann wieder gehen, als es mir zu langweilig wurde.
Erwachsen sein ist seltsam. Meistens ist die Zeit so ausgefüllt mit Aufgaben und Terminen, dass ich es gar nicht bemerke. Ich habe neue Verantwortungen, aber eigentlich habe ich mich schon immer um mich selbst gekümmert, auch als ich noch zur Grundschule ging. Und nur wenn ich einmal so direkt mit meiner Kindheit konfrontiert werde, fällt mir auf, stimmt, da fehlt auch nicht mehr viel bis zur 40.
Therapie heißt erwachsen werden
Immer wieder, wenn ich zur Therapie gehe, habe ich das Gefühl, das bringt doch alles nichts, wir drehen uns im Kreis, nichts verändert sich. Aber einiges hat sich geändert. Ich bin gewachsen. Wenn ich in diesem Tempo weiter mache, werde ich mein biografisches Alter vielleicht doch irgendwann einholen können.
