
Ich habe ein altes Manuskript noch mal angefasst, um es nach einer hoffentlich allerletzten Überarbeitung endlich mal Agenturen und Verlagen anzubieten, das hat eine Menge alter Gefühlte geweckt. Meine Familie zu sehen wirkt jedes Mal ähnlich.
Gefühle übergekocht
Das war eine emotionale Woche! Das Manuskript zu „Gier – Was wir Leben nennen“ habe ich mit Anfang 20, während des Studiums, geschrieben. Wie alle meine Projekte steckt es voller Gefühl und da ich in einer ganz anderen Phase meines Lebens steckte als jetzt, noch vor all der Therapie, die ich gemacht habe, waren es hauptsächlich negative Gefühle.
Schon nach wenigen Zeilen hatte ich mich wieder in meinen damaligen Gemütszustand hineingelesen, viele Seiten am Stück zu überarbeiten ging gar nicht. Aber ich liebe den Text immer noch und möchte, dass er endlich eine Chance bekommt. Und wenn mich meine eigenen Worte immer noch zu Tränen rühren, kann das ja nicht ganz verkehrt sein.
Zum Ende der Woche bin ich dann zu einem langen Familienwochenende aufgebrochen. Meine dreijährige Nichte zu sehen führt auch zu vielen Gefühlen – zum größten Teil positiven. Da hat meine Seele ordentlich Dehnarbeit leisten müssen.
Lernen am Modell
Aber es ist auch nicht immer positiv, zu beobachten, wie meine Eltern und Geschwister mit der jüngsten Generation umgehen und das weitergeben, worunter wir selbst gelitten haben. Ich habe keine eigenen Kinder, vielleicht darf ich mir kein Urteil erlauben. Ganz sicher verstehe ich, dass auch jede Mutter, jeder Vater mal gestresst ist und niemensch immer ideal reagiert.
Aber ich weiß auch sehr viel über kindliche Entwicklung, aus dem Studium, aus Gesprächen, aus sehr viel Therapie und der Aufarbeitung meiner eigenen Kindheit. Und wenn ich mich selbst dabei erwische, meine Nichte zum „Bravsein“ erpressen zu wollen, obwohl „brav“ nichts anderes heißt als „leise“ und „leicht händelbar“, tut das weh.
Und wie jedes Mal fällt mir wieder einmal auf, dass wir junge Familien einfach zu sehr alleine lassen. Kleine Kinder brauchen vor allem eins – Erwachsene mit schier unendlicher Geduld. Und diese Erwachsenen gibt es nicht, schon gar nicht bei uns. Also müssen sie sich immer wieder Erholungspausen gönnen können und ersetzt werden durch Erwachsenen, deren Geduld noch frisch und unbelastet ist.
Natürlich brauchen Kinder Grenzen. Aber sie brauchen vor allem Konsistenz. Was gestern erlaubt war, darf nicht heute bestraft werden, weil Mutti einen schweren Tag auf Arbeit hatte. Und wir dürfen keine Regeln durchsetzen, an die wir uns selbst nicht halten. Alles ist erlaubt, was niemenschen verletzt. Boxen? Ganz klar: Nein! Ich habe meiner Nichte gezeigt, wie toll mensch eine Matratze boxen kann, wenn mensch Lust dazu hat. Wütend und frustriert sein, weil sich niemensch an die festgelegte Reihenfolge beim Brötchen aufschneiden gehalten hat? Natürlich! Die Welt ist frustrierend und wir dürfen wütend sein, auch wenn die Erwachsenen den Grund nicht verstehen.
Die Welt retten im Kleinen
Es ist gut, dass ich keine Kinder habe. Es ist kein Zufall, sondern lange durchdacht. Aber für andere Kinder kann ich eine Ressource sein, wenn ich ausgeruht und frisch bin. Das bedeutet nicht, dass diese Kinder unverletzt durch die Kindheit kommen, das kann vermutlich niemensch. Aber ihre Welt wird ein kleines bisschen besser sein, deshalb werden sie ein kleines bisschen bessere Eltern sein können, als meine Generation das kann.
Vielleicht wird die Klimakatastrophe oder ein Atomkrieg diese langsame Entwicklung zunichtemachen. Aber ich glaube daran, dass diese kleinen Impulse bei den kleinen Menschen ganz große Wirkungen haben können, irgendwann.
Ansonsten …
… habe ich mein Schreib- und Kunstjahr 2026 geplant. Es sieht sehr voll aus, vermutlich werde ich maximal die Hälfte schaffen. Aber ich freue mich auf alles davon. Bis zum Ende des Jahres werde ich noch ein wenig ruhiger machen, schreiben und malen, Weihnachten überleben. Zum 1.1. will ich einen Etsy-Shop mit meinen Bildern eröffnen. Und dann geht es ja erst richtig los!
