März ist Meryl

Wo die Liebe hinfällt …

Von einer unverstandenen „Hexe“ jenseits der Märchenwelt handelt der nächste, durch puren Zufall erwählte Film: Ricky and the Flash. Der Film, der sehr unterschiedlich aufgenommen wurde, handelt von einer alternden Rockerin, die für ihre Musik ihre Familie verlassen hat und nun wieder zurückkommt, um ihrer Tochter durch eine Scheidung zu helfen. Aber sie ist nicht wirklich willkommen. Ihre Söhne hassen sie, die zweite Frau ihres Exmannes behandelt sie von oben herab und die Tochter schwankt zwischen Wut und Sehnsucht und lässt ihren Gefühlen völlig ungehemmt freien Lauf. Dabei wollte Ricky doch nur das Beste für alle: Und das sah sie nuneinmal darin, die Familie zu verlassen, weil sie die Musik nicht lassen konnte.

Die Kritiken stören sich an dem klischeehaften Drehbuch, schließlich sei uns doch allen klar, dass Rockband und Familie nicht zu vereinbaren seien. Besonders jedoch an diesem Film ist, dass die Mutter die Rockerin ist. Wie Ricky auf einem Konzert ihrem erstaunten Publikum entgegenpöbelt, dürfen Männer die Familie verlassen, um mit ihrer Musik Karriere zu machen, und werden weiterhin bewundert. Frauen dagegen sind sogleich ein Monster. Und sie darf es noch nicht einmal kritisieren, weil es die Stimmung versaut, ihre Band würgt ihren Ausbruch so schnell wie möglich ab.

Und ja, sie hat keine Karriere gemacht. Aber sicher nicht, weil sie die Musik nicht genügend geliebt hat. Um bekannt und reich zu werden, gehört sehr viel mehr dazu als nur Talent und Hingabe, man braucht Glück dafür, und das haben vielleicht nur, aber doch nicht alle Tüchtigen. Und wer von ihr verlangt, die Musik aufzugeben, weil sie doch zum Leben nicht reicht und Ricky nebenbei Schichten an der Supermarktkasse schieben muss, hat nicht verstanden, was eine Leidenschaft ausmacht.

Gerade dies war das Problem ihrer Ehe, nicht die Musik an sich. Viele Menschen können vielleicht ihren Beruf aufgeben oder einschränken, um die Familie an die erste Stelle in ihrem Leben zu setzen, doch eine Leidenschaft wie Rickys lässt sich nicht abschalten und der Versuch, sie zu unterdrücken, und sei es nur auf Zeit, wird immer zur Eskalation führen. Leidenschaft lässt sich sehr wohl mit Ehe und Familie vereinbaren, hoffe ich jedenfalls, aber nicht mit einem Partner, der keinerlei Verständnis dafür aufbringt. Und dann ist es egal, ob es der Mann oder die Frau ist, der bzw. die mit Leidenschaft bei der Arbeit oder einer (wenig einträglichen) Kunst ist, der andere muss nuneimal seinen Part in der Familie zu übernehmen bereit sein.

Rickys Mann war es nicht. Als sie wieder unter seinem Dach lebt, um für die gemeinsame Tochter da zu sein, scheinen die alten Gefühle zumindest teilweise zurückzukommen, doch kaum ist Ehefrau Nummer 2 von dem Besuch bei ihrer kranken Mutter zurück, zeigen sich die Unterschiede. Vielleicht fand er Ricky spannend, mit ihr kann man viel Spaß haben und verrückt sein, aber im Endeffekt wollte er dann doch eine Frau, die ihn umsorgt.

Wenn Ricky ein Mann wäre, hätten die Abende auf Konzerten auch zu Problemen führen können, aber niemand hätte von ihr/ihm erwartet, dass sie/er Wäsche waschen kann und morgens Frühstück macht. Niemand hätte zu verlangen gewagt, dass mit der Musik Schluss ist, wenn die Kinder da sind.

Und natürlich hat auch Ricky ihre eigenen, unverarbeiteten Traumata und Bindungsschwierigkeiten. Natürlich ist sie nicht unschuldig. Aber es läuft immer wieder auf den Vorwurf hinaus, dass sie als Mutter die Musik mehr geliebt hat als ihre Kinder – und dann auch noch keinen Erfolg darin hatte.

Am Ende spielt Ricky mit der Band auf der Hochzeit ihres Sohnes, zu der sie auf den letzten Drücker doch noch eingeladen wird, und ihre Kinder scheinen überrascht zu sein, dass sie gut ist. Dass Meryl Streep unheimlich gut singen kann, haben wir schon gewusst, und auch die Rockmusik gibt sie brilliant wieder, ihre tiefe, gefühlsschwere Stimme lässt mich fast bedauern, dass sie eine so gute Schauspielerin ist. Sonst hätte sie vielleicht mehr Musik gemacht. Aber Rickys Kinder scheinen nicht zu wissen, dass ihre Mutter gut ist, auch wenn sie keinen großen Erfolg hat.

Als Ricky die Familie verlassen hat, waren die Kinder vielleicht noch zu klein, um auf Rockkonzerte zu gehen. Aber hat sie wirklich nie für die Kinder gesungen? Oder war ihr Vater so verletzt nach der Trennung, so eifersüchtig auf die Musik, dass er den Kindern das Interesse am Wirken ihrer Mutter vollkommen ausgeredet hat? Haben die Kinder während der Pubertät wirklich nie versucht, gegen den Vater zu rebellieren, indem sie ein Konzert der verpönten Mutter besuchen?

Was in anderen Scheidungsfamilien vielleicht unplausibel wäre, macht hier durchaus Sinn: Von allen Beteiligten wird die Liebe zur Musik immer mit der Liebe zu den Kindern verglichen, wobei die Kinder am Ende verlieren. Kein Wunder, dass sie sich für die Musik nicht interessieren. Dabei muss hier gar keine Konkurrenz bestehen. Dass Ricky die Musik nicht aufgeben konnte, muss doch nicht heißen, dass sie die Kinder nicht (genug) liebt, sie liebt nur die Musik zu sehr. Und die Kinder zu verlassen ist nur folgerichtig. Sie liebt ihre Kinder, bekommt aber immer wieder gesagt, dass sie keine gute Mutter sei. Also verlässt sie die Familie, um Platz für eine neue, bessere Mutter zu machen.

Vielleicht ist das zu idealistisch gedacht, schließlich erfährt man über die Trennung nur indirekt etwas. Es ist einfach schwer, mir Meryl Streep in einer unsympathischen Rolle vorzustellen. Doch ihr Verhalten gegenüber den erwachsenen Kindern legt meine Deutung durchaus nahe.

Und so würde ich mich verhalten, wenn ich Kinder hätte und einen Partner, der in Konkurrenz mit der Literatur steht. Wenn ein Mensch mich zwingen würde, zwischen der Literatur und ihm zu wählen, würde ich mich immer für die Literatur entscheiden, ganz egal, ob ich Erfolg habe oder nicht. Denn ich kann mich einfach nicht gegen das Schreiben entscheiden, so wie Ricky sich nicht gegen die Musik entscheiden konnte. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich niemanden lieben könnte oder keine Familie haben, denn zu einer Familie gehören schließlich immer mehr.

Rockmusik ist (wie jeder andere leidenschaftliche Beruf auch) mit Familie vereinbar, nur nicht, wenn der Ehemann erwartet, dass im Grunde jede Mutter eine alleinerziehende Mutter ist, die keine eigenen Bedürfnisse mehr hat. Aber dann ist es auch schon egal, ob die Mutter Rockmusikerin ist, leidenschaftliche Gärtnerin oder sich aufopferungsvoll kümmernde Tochter – dann wird die Familie eh nicht funktionieren.

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