März ist Meryl

Was ist zu Hause?

So reißt es also wieder ein, so viel zu jeden Tag … aber ohne mich bei wem auch immer zu entschuldigen, falls irgendjemandem der fehlende Text überhaupt aufgefallen ist, mache ich mich schnell wieder ans Werk.

Eine weitere ziehende Mutter gibt uns Meryl Streep in Kramer vs. Kramer. Sie verlässt ihren Karrieremann und den kleinen Sohn, weil sie sich nicht ausgefüllt fühlt, nicht die Frau ist, die sie sein möchte. Der Ehemann, Ted, nimmt die neue Rolle als alleinerziehender Vater trotz zahlreicher Schwierigkeiten erstaunlich gut an, trotz Streitigkeiten mit dem Fünfjährigen, der seine Mutter vermisst und den Vater bei der Arbeit stört, wird die Beziehung von Vater und Sohn immer enger.

Nach anderthalb Jahren, in denen sie nur hin und wieder Postkarten geschrieben hat, kehrt Joanna schließlich zurück, als der Alltag des Männerhaushalts sich endlich eingespielt hat. Nach erfolgreicher Psychotherapie geht es ihr bedeutend besser, sie habe gelernt, dass sie eine gute Mutter sein könne, und verlangt das Sorgerecht für ihren Sohn zurück. Das – sowie eine Kündigung Teds, weil er zu viel Zeit mit seinem Sohn verbracht hat – bringt das kleine, heile System von Vater und Sohn durcheinander. Vor Gericht streiten die Eltern erbittert um das Sorgerecht. Joanna weist nach, dass sie eine gute Mutter sein könnte, ob Ted ein guter Vater ist, interessiert weniger, denn er ist nunmal – „nur“ der Vater. Wie zu der Zeit und in der Situation eigentlich zu erwarten, gewinnt Joanna. Für Vater und Sohn bricht eine Welt zusammen, trotzdem gibt Ted sein Bestes, es für seinen Sohn nicht noch schwieriger zu machen, verzichtet auf eine Berufung, um den Jungen nicht vor Gericht befragen lassen zu müssen, und versucht, das Ansehen seiner Mutter bei Billy zu steigern.

Und dann kommt er, der Tag, an dem Joanna Billy abholen soll. Sie trifft sich mit Ted im Foyer des Mietshauses und gesteht ihm unter Tränen, dass sie vor Gericht gezogen sei, um ihren Sohn nach Hause zu holen, und erst jetzt gemerkt habe, dass er bereits zu Hause sei. Sie verzichtet auf das zugestandene Sorgerecht.

Der Film von 1979 gibt damit eine interessante Ansicht auf das Familienleben. Wenn beide Eltern ihre Rolle gleichermaßen gut erfüllen, nur nicht mehr zusammen leben können, warum sollte dann das Kind gerade bei der Mutter leben? Wenn Männer und Frauen wirklich gleichberechtigt sind, dürfen Frauen auch nicht in einzelnen Gebieten, wie z.B. der Familie, bevorzugt behandelt werden. Gerade der Rückzug Teds, um Billy nicht in den Zeugenstand rufen zu müssen, zeigt, dass er ein sehr guter Vater ist. Aus heutiger Sicht, mit alleinerziehenden Vätern oder zwischen den Elternteilen hin und her pendelnden Kindern, mag die Frage nicht mehr so wichtig erscheinen, doch gerade wenn wir uns die Wahrnehmung von Regenbogenfamilien ansehen, scheinen Elternteile doch noch allein auf Grund ihres Geschlechts als mehr oder weniger geeignet für die Erziehung betrachtet zu werden („Ein Kind braucht doch seine Mutter!“ oder „Ein Kind braucht doch ein männliches Rollenmodell!“ als Kritiken an Homo-Eltern zeigt, dass der Glaube, allein das biologische Geschlecht qualifiziere jemanden für bestimmte Aufgaben, immer noch sehr stark ist.)

Für ihre Rolle als Joanna hat Meryl Streep ihren ersten Oscar bekommen, wer jedoch von dieser Rolle die gewohnt starken Gefühle der späteren Meryl erwartet, wird enttäuscht. Joanna ist eine stille Rolle, die Gefühle werden unter der Fassade einer zunächst depressiven und später zweckmäßig gefassten Frau verborgen. Diese unterdrückten Gefühle mögen zwar weniger aufdringlich-offensichtlich sein als die laute Wut einer Ricky, doch sie sind immer drückend greifbar und vermutlich sehr viel schwerer zu spielen. Der Oscar ist also völlig verdient, auch wenn die Aufrechterhaltung der Fassade die Atmosphäre des Filmes manchmal in eine langatmige Kühle abgleiten lässt. Und dann kommen sie doch wieder, die starken Gefühle, und brechen sich unerwartet Bahn, denn sie liebt ihren Sohn, auch wenn sie ihn für etwa achtzehn Monate verlassen hat.

Und sie liebt auch Ted, obwohl sie an seiner Seite nicht glücklich war. Man spürt ihre Zerrissenheit, auch wenn sie sich bemüht, vor Gericht die Fassung zu wahren, auch wenn sie den Zuschauer nicht zerreißt.

Dafür sind die Gefühle doch zu dezent, dafür ist der heutige Fernsehzuschauer vielleicht zu abgestumpft durch die starken Gefühle, Dramatik und Action neuerer Filme. Die subtilen Zwischentöne zwischen Lachen und Weinen zu sehen ist schwer, das erfordert Konzentration. Und vielleicht auch einen zweiten Durchgang.

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