Tagespolitisches · Throwback Thursday

Male? Female? Fuck you! – RosaTag im Heidepark die Zweite

Wie bereits berichtet war ich vergangene Woche beim Rosa Tag im Heidepark. Unschwer zu erkennen auf dem Bild oben war ich als Drag King unterwegs. Nicht nur, weil mir das freien Eintritt verschaffte. Nicht nur, weil ich gerne auffalle. Nicht nur, weil ich mich selbst mit Schnurrbart so schick finde. Sondern, weil ich keine Frau bin. Jedenfalls nicht immer.

Manche der anderen Besucher schauen amüsiert, andere angeekelt, auch wenn sie versuchen, dies zu verbergen, passt es doch schließlich nicht mehr in den Zeitgeist und sie wollen doch niemanden ausschließen. Aber wie wir alle bei der genialen und viel zu früh abgesetzten Crime-Serie „Lie to me“ gelernt haben, lassen sich Mikroausdrücke nicht verbergen. Und man sollte es auch gar nicht versuchen. Nur, wenn man seine spontane Reaktion zulässt, kann ein Gespräch entstehen.

Nur Kinder sprechen mein Aussehen direkt an. „Guck mal, Mama, die Frau hat einen Bart!“ und die Mama zieht ihr Kind schnell weiter, denn man zeigt doch nicht mit dem Finger auf Menschen. Sie nehmen mich immer noch als Frau wahr, trotz Bart und Krawatte.

Das Es

Als Kind habe ich mal einen Menschen kennen gelernt, der/die einfach nicht klassifizierbar war. Groß, feingliedrig, markantes Gesicht, lange Haare, tiefe Stimme. Meine Schwester und ich waren fasziniert, wir waren Kinder, und ohne die in der Erwachsenenwelt viel zu allgegenwärtige Angst davor, jemandem zu nahe zu treten, sprachen wir dieses Wesen an, ob es ein Er oder eine Sie sei. Es antwortete lachend: „Ein Es.“

Diese Begegnung hatte ich jahrelang vergessen. Jetzt fällt sie mir wieder ein, weil ich neidisch bin auf dieses Gesicht, das sich jeder geschlechtlichen Einordnung entzog.

Ich wünschte mir, Etwachsene hätten auch diese Unbefangenheit, einfach zu fragen. Ich weiß nicht, was mich mehr verletzt, der Ekel oder die Belustigung. Beides nimmt mich nicht ernst als das, was ich bin, nämlich ein Mensch, der (grammatikalisches Geschlecht) weder er (psychologisches, soziales, what ever.. Geschlecht) noch sie (s.o.) ist. Oder beides. Oder mal das eine, mal das andere. Warum sollte ich mich unbedingt entscheiden?

Die andere Art von Make-up

Mit einem offensichtlich angemalten Bart durch die Gegend zu laufen, ist gar nicht so anders als mit Lippenstift und Minirock. Und doch sooo anders. Es ist ein Statement, weil meine DNA weiblich ist. Wäre ich ein Mann ohne Bartwuchs, der gerne einen Bart hätte – ja, wie würden die Menschen mich dann wahrnehmen?

Wann gibt es endlich Gesichtshaartoupets? Die für den Kopf sind doch auch nichts anderes als Eitelkeit.

Ich mag es, wie ich aussehe mit Bart. Auch ohne das Statement. Warum sollte ich auch gleich ein Mann sein, nur weil ich einen Bart trage?

Und ich werde es definitiv wiederholen …

(aus September 2016)

 

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